Christus ist mein Leben
Paulus schrieb den Brief an die Gemeinde in Philippi nicht aus einer sicheren und angenehmen Lage. Er befand sich im Gefängnis und wusste nicht, wie sein Leben weitergehen würde. Freilassung und weiterer Dienst waren möglich. Ebenso musste er mit dem Tod rechnen. Mitten in dieser Ungewissheit formulierte er den folgenden Text, der weit über seine persönliche Situation hinausweist: «Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiss ich nicht, was ich wählen soll. Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre» (Phil 1,21-23).
Diese Worte zeigen, worauf Paulus sein Leben gegründet hatte. Seine Hoffnung ruhte weder auf Gesundheit noch auf Erfolg, Sicherheit oder Anerkennung. Auch der Glaube als religiöse Überzeugung stand für ihn nicht im Mittelpunkt. Seine Mitte war eine Person: Jesus Christus.
Die Mitte
Paulus spricht von der Gegenwart Jesu Christi in seinem Leben: «Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben» (Gal 2,20).
Christus ist sein Leben, gerade jetzt, im Gefängnis, unter Druck und angesichts einer ungewissen Zukunft. Seine Gemeinschaft mit Jesus hängt nicht davon ab, ob sich seine Lage verbessert. Sie bleibt bestehen, weil Jesus ihn selbst hält.
Solange vieles gelingt und die Gesundheit uns trägt, fällt es leicht, sich auf das Sichtbare zu verlassen. Krankheit, Verlust und die Nähe des Todes stellen andere Fragen. Was bleibt, wenn Sicherheiten wegbrechen? Der christliche Glaube gibt darauf keine oberflächliche Antwort. Er verweist auf Jesus, der nicht nur Hilfe schenkt, sondern selbst das Leben ist: «Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht» (1. Joh 5,11–12).
Eine Familie sitzt einer Ärztin gegenüber und hört, dass eine schwere Blutkrankheit nach menschlichem Ermessen nicht mehr geheilt werden kann. Für den Erkrankten, seine Angehörigen und seine Freunde ist das ein tiefer Einschnitt. Gebete um Heilung bleiben wichtig. Zugleich stellt sich eine schwerere Frage: Können wir einen geliebten Menschen vertrauensvoll in Gottes Hände legen, auch wenn wir nicht wissen, welchen Weg Gott mit ihm geht?
Eine solche Gewissheit wächst nicht aus menschlicher Stärke. Sie entsteht aus der Verheissung Jesu: «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben» (Joh 6,47). Jesus sagt nicht, der Glaubende werde das ewige Leben irgendwann empfangen. Er hat es bereits. Ewiges Leben beginnt dort, wo ein Mensch Christus vertraut und mit ihm verbunden ist. Darum konnte Paulus sagen: «Christus ist mein Leben.»
Der Glaube
Glaube heisst nicht, jede Entwicklung zu verstehen. Er vertraut Jesus, auch wenn das Sichtbare gegen jede Hoffnung spricht. Abraham wurde darin auf eine Weise geprüft, die sich menschlich kaum begreifen lässt. Gott hatte ihm Isaak als Sohn der Verheissung geschenkt. Dann sollte er ausgerechnet diesen Sohn opfern. Der Hebräerbrief erklärt, worauf Abraham sein Vertrauen setzte: «Er dachte: Gott kann auch von den Toten erwecken» (Hebr 11,19).
Abraham sah nicht nur die Wirklichkeit, sondern blickte darüber hinaus. Gottes Verheissung war für ihn verlässlicher als das, was er im Augenblick begreifen konnte. Glaube bestreitet weder Leid noch Gefahr. Er hält sich an Gott, weil dessen Treue grösser ist als die Umstände.
Auch die Jünger lernten dies im Sturm. Die Wellen schlugen ins Boot, während Jesus schlief. Für sie sprach alles dafür, dass sie untergehen würden. Jesus stand auf, bedrohte Wind und Wasser, und es wurde still. Seine Frage zielte nicht darauf, ihre Angst lächerlich zu machen. Jesus legte offen, wem sie mitten in der Angst vertrauen sollten.
Kranke Menschen und ihre Angehörigen kennen solche Stürme. Sie erleben Untersuchungen, belastende Behandlungen, Nebenwirkungen, Erschöpfung und Tage voller Fragen. Christus verlangt nicht, dass sie den Sturm kleinreden. Er ruft sie, ihm mitten darin zu vertrauen. Seine Gegenwart hebt nicht jede Not sofort auf. Sie schenkt einen Halt, der tiefer reicht als das Sichtbare.
Die Auferstehung
Als Lazarus gestorben war, schien alles zu spät zu sein. Er lag bereits vier Tage im Grab. Jesus sagte zu Marta: «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?» (Joh 11,25–26).
Jesus spricht nicht nur über die Auferstehung. Er selbst ist die Auferstehung und das Leben. Wer zu ihm gehört, besitzt die Hoffnung nicht als vage Möglichkeit, sondern in seiner Person. Der Tod, ein unerbittlicher Feind, trennt Menschen und verursacht unermesslichen Schmerz. Aber er hat nicht das letzte Wort. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat Christus den Tod besiegt und uns Hoffnung gegeben. Darum konnte Jesus vom Tod des Lazarus wie von einem Schlaf sprechen. Nicht weil der Tod harmlos wäre, sondern weil er für Gott nicht endgültig ist. Jesus rief Lazarus aus dem Grab. Ebenso wird er alle, die zu ihm gehören, auferwecken. Seine Verheissung trägt über das Sterben hinaus: «Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage» (Joh 6,40).
Christliche Hoffnung richtet sich deshalb nicht auf ein unbestimmtes Weiterleben. Sie gründet in der Auferstehung Jesu und erwartet die Vollendung bei Gott. Jesus, der uns heute im Glauben mit sich verbindet, wird sein Werk vollenden.
Der Gewinn
Für Paulus bedeutete Sterben nicht das Ende seiner Gemeinschaft mit Christus, sondern ihre Vollendung. Er wusste, dass weiterer Dienst auf dieser Erde Frucht bringen konnte. Zugleich sehnte er sich danach, bei Christus zu sein. Beides setzte ihm zu. Er wollte nicht eigenmächtig über sein Leben verfügen. Er stellte sich unter Gottes Willen.
Die Worte «Sterben ist mein Gewinn» verherrlichen den Tod nicht. Der Gewinn liegt nicht im Sterben selbst, sondern in Jesus Christus. Was hier im Glauben begonnen hat, wird dort zur unmittelbaren Gegenwart. Diese Hoffnung ruht nicht auf unserer inneren Stärke, sondern auf Gottes treuem Wirken in uns: «Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt» (Röm 8,11).
Der Geist Gottes ist die Gewissheit, dass Gott vollenden wird, was er begonnen hat. Unsere Hoffnung hängt nicht daran, ob wir uns jederzeit stark fühlen. Sie hängt an Gottes Treue. Jesus selbst ging diesen Weg voran. Er wusste, welches Leiden ihn erwartete. Er wich dem Kreuz nicht aus, sondern vertraute sich dem Vater an. Er legte seinen Geist in die Hände des Vaters (Lk 23,46). Er kannte Angst, Schmerz und Verlassenheit. Gerade deshalb kann er Menschen begleiten, die mit Krankheit, Sterben und Trauer ringen.
Tiefes Verlangen
Paulus schrieb, dass er Lust habe, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein. Gemeint ist keine Verachtung des irdischen Lebens. Es ist die tiefe Sehnsucht nach der ungetrübten Gemeinschaft mit Gott. Wer Christus liebt, erwartet nicht nur eine bessere Zukunft. Er erwartet ihn.
Dieses tiefe Verlangen nimmt dem gegenwärtigen Leben seinen Wert nicht. Es hilft vielmehr, es aus Gottes Hand zu empfangen. Menschen, die uns lieb geworden sind, gehören letztlich nicht uns. Sie sind Gott anvertraut. Das macht den Abschied nicht leicht. Es bewahrt uns aber davor, so zu trauern, als gäbe es keine Hoffnung.
Der rettende Glaube schaut nicht auf die eigene Kraft. Er richtet sich auf Christus, auf seinen Tod, seine Auferstehung und seine Verheissungen. Jesus sagt nicht: Wer alles versteht, niemals zweifelt und immer stark bleibt, hat das ewige Leben. Er sagt: Wer glaubt, der hat das ewige Leben.
Die Trauer
Christliche Hoffnung verdrängt die Trauer nicht. Die Bibel hält beides zusammen. Für den Glaubenden ist der Tod die Heimkehr zu Christus. Für die Zurückbleibenden ist der Verlust schmerzhaft und darf betrauert werden. Christen können weinen und zugleich hoffen. Am Grab des Lazarus lesen wir die kurzen Worte: «Und Jesus gingen die Augen über» (Joh 11,35). Er weinte, weil er liebte. Trauer ist deshalb kein Beweis für schwachen Glauben. Sie ist die Antwort der Liebe auf den Verlust eines Menschen, der fehlt.
Kein Mensch kann den Platz eines geliebten Menschen ersetzen. Auch Trostworte dürfen diesen Eindruck nicht erwecken. Christus löscht die Erinnerung nicht aus. Er schenkt seine Fülle mitten in die Leere: «Denn in ihm (Jesus) wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist» (Kol 2,9–10).
Er trägt durch den Schmerz und gibt Kraft für den nächsten Schritt. Wo menschliche Worte nicht ausreichen, bleibt er nahe. Gott wird als «Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes» (2. Kor 1,3-4). bezeichnet. Sein Trost begegnet uns in der Bedrängnis und befähigt uns, auch andere zu begleiten. Er bleibt beim Leidenden, hört zu, trägt mit und erinnert behutsam an die Hoffnung, die in Christus liegt
Die Hoffnung
«Christus ist mein Leben» ist keine Aussage für besonders starke Christen. Es ist weder unsere eigene harte Arbeit noch unsere Hingabe an Gott noch die Kraft unserer eigenen Geistlichkeit. Stattdessen ist es die beständige Gegenwart Jesu: «Denen wollte Gott kundtun, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Völkern ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit» (Kol 1,27).
Seine Treue trägt Sie, liebe Leserin und lieber Leser, durch das Leben, durch das Sterben und über den Tod hinaus. Darum liegt Ihre Zukunft in Gottes Händen. Wir kennen den Weg nicht, den er mit uns oder mit einem geliebten Menschen gehen wird. Wir kennen aber den Jesus, der diesen Weg vorausgegangen ist. Er verlässt uns nicht. Er schenkt Sterbenden Hoffnung und Trauernden Kraft.
Paulus fasst diese Gewissheit in Worte, die jede menschliche Unsicherheit überragen: «Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn» (Röm 8,38–39). Diese Liebe ist die lebendige Hoffnung für Zeit und Ewigkeit. Christus ist unser Leben. Das Leben hat das letzte Wort.
von Toni Püntener
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