Liebst du mich?

906 liebst du michIn unserer Gemeinde erklingt oft das Lied «Just let me say how much I love You» (Lass mich einfach sagen, wie sehr ich dich liebe) von Hillsong Worship – eines meiner absoluten Lieblingslieder. Die Zeilen schildern die Sehnsucht, Jesus von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, sein leisestes Flüstern wahrzunehmen und sich mit ganzem Herzen nach seiner Gegenwart auszustrecken. Diese leidenschaftliche Sprache, verbunden mit einer schlichten Melodie, bleibt in meinem Ohr und berührt mein Herz.

Gleichzeitig melden sich beim Singen Gewissensbisse. Ich frage mich, liebe ich Gott wirklich? Kann ich nach dem letzten Vers mit ruhigem Gewissen Amen sagen? Die Bibel versichert an vielen Stellen, dass Gott mich liebt. Liebe ich ihn auch, wenn ja, wie und woran würde ich das erkennen?

Nach seiner Auferstehung richtete Jesus dreimal dieselbe Frage an Petrus, was diesen spürbar herausforderte: «Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb, und sprach zu ihm: Herr, du weisst alle Dinge, du weisst, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!» (Johannes 21,17).

Petrus kannte Jesus aus nächster Nähe, hatte unzählige Stunden mit ihm verbracht, Gespräche geführt, gestritten und ihn sogar mit dem Schwert verteidigt. Petrus hörte, sah und berührte Jesus, unmittelbarer geht es kaum. Wie ist es mit uns, die Jesus vor allem durch die Schriften kennen? Kann man jemanden lieben, den man nie mit eigenen Augen gesehen und dessen Stimme man nie direkt gehört hat?

Viele erinnern sich an ein Lied aus dem Musical Anatevka (Fiddler on the Roof). Tevje und Golde haben fünf Töchter. Zwei Kinder bitten die Eltern um Erlaubnis, aus Liebe heiraten zu dürfen, nicht wie damals üblich, einen von der Heiratsvermittlerin ausgewählten Mann zu nehmen. Als Tevje widerspricht, halten die Töchter dagegen: Sie lieben ihre Auserwählten. Das bringt Tevje ins Grübeln über seine eigene Ehe und fragt seine Frau: Liebst du mich? Golde, seine Frau, atmet tief ein und antwortet ihm: Seit 25 Jahren wasche ich deine Wäsche, bereite deine Mahlzeiten zu, halte dein Haus instand, versorge deine Tiere und habe dir Kinder geboren. Warum willst du nach 25 Jahren über Liebe sprechen? Daraufhin spricht Tevje: Ich weiss, was du alles für mich tust, aber liebst du mich denn auch wirklich? Wieder zählt seine Frau all die Dinge auf, die sie für ihn jeden Tag tut, und fragt ihn, ob ihre Fürsorge nicht genau das ist, was ihre Liebe zu ihm ausmacht. Er weiss ihren täglichen Einsatz zu schätzen, er wünscht sich dennoch ein klares Liebesbekenntnis, aber er erhält die Bestätigung dafür letztlich doch nicht.

Wie teilen wir unsere Liebe mit? Jeder von uns hat ein anderes Temperament und ist eine eigene Persönlichkeit. Deshalb zeigen wir unsere Liebe auch auf unterschiedliche Art und Weise. Manche von uns gebrauchen dafür Worte, andere überraschen ihre Lieben gern mit Geschenken und wieder andere teilen ihre Zuneigung durch praktische Hilfe mit. Am meisten geniessen wir es, wenn wir mit den Menschen, die uns wichtig sind, einfach nur Zeit verbringen können. Eltern lieben ihre Kinder und sprechen mit ihnen und teilen ihre Wünsche für die Sprösslinge auch den eigenen Freunden mit. Sie sind an ihrem Leben interessiert und wünschen sich nichts sehnlicher, als dass sie ein glückliches und erfülltes Leben haben.

Wenn Jesus mich fragen würde, ob ich ihn liebe, wie würde ich antworten? Ich würde sagen, dass ich die letzten 40 Jahre sein Wort gelesen, zu ihm gebetet, die Kirche besucht, Loblieder über und für ihn gesungen, über ihn gesprochen habe. Wenn das nicht Liebe ist, was ist es dann? Und wenn er, wie bei Petrus, noch einmal fragte, wäre meine Antwort: «Herr, du weisst alle Dinge, du weisst, dass ich dich lieb habe».

von Hilary Jacobs


Das Problem mit der Liebe

Die unermessliche Liebe Gottes