Der barmherzige Samariter
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zählt zu den bekanntesten Erzählungen Jesu. In Predigten wird es häufig aufgegriffen, um Menschen zu selbstlosem Handeln, vorausschauendem Denken und tatkräftiger Unterstützung zu ermutigen. Seine Botschaft reicht allerdings weit darüber hinaus. Jesus erzählte dieses Gleichnis als Antwort auf die Frage eines Schriftgelehrten: «Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?» (Lk 10,25).
Dieser Mann war ein religiöser Gesetzeslehrer, der auf seine umfassende Kenntnis der 613 Gebote der Tora stolz war. Die religiösen Führer zur Zeit Jesu hatten ein System geschaffen, das den Gehorsam gegenüber Gott in einen regelrechten Hindernislauf verwandelte. Es umfasste zahlreiche kleinliche Vorschriften und Verbote. Gewöhnliche Menschen mussten daher ständig befürchten, gegen eines dieser Gebote verstossen zu haben. Sie lebten unter einer schweren Last von Schuldgefühlen.
Diese Haltung widersprach der Lehre Jesu. Eine Auseinandersetzung war kaum zu vermeiden. Gemeinsam mit Pharisäern, Sadduzäern, Schriftgelehrten und weiteren religiösen Führern versuchten die Gesetzeskundigen immer wieder, Jesus blosszustellen und seinen Ruf zu schädigen. Auch hinter der scheinbar unverfänglichen Frage dieses Mannes verbarg sich eine bestimmte Absicht. Jesus forderte den Fachmann deshalb auf, zunächst selbst zu antworten: «Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?» (Lk 10,26).
Der Gesetzeskundige kannte die richtige Antwort: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Denken; und deinen Nächsten wie dich selbst» (Lk 10,27).
Jesus bestätigte seine Aussage: «Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben» (Lk 10,28).
Juristen sind darin geschult, besondere Umstände zu erkennen, durch die sich der Geltungsbereich eines Gesetzes einschränken lässt. Der Gelehrte wusste, dass kein Mensch das Gebot «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» vollkommen erfüllen kann. Vermutlich glaubte er deshalb, eine mögliche Lücke entdeckt zu haben, und fragte Jesus: «Wer ist mein Nächster?» (Lk 10,29).
Daraufhin erzählte Jesus sein berühmtes Gleichnis: «Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und liessen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Strasse hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme» (Lk 10,30-35).
Personen und Ort
Jesus verlegte die Handlung seiner Geschichte auf die Strasse von Jerusalem nach Jericho. Die beiden Orte lagen ungefähr 27 Kilometer voneinander entfernt. In Jerusalem befand sich der Tempel, das Zentrum des levitischen Priestertums. Innerhalb der Leviten bildeten die Priester die höchste Gruppe.
Viele andere Leviten unterstützten sie bei unterschiedlichen Aufgaben im Tempel. Sie hielten beispielsweise das Feuer auf dem Altar am Brennen, entzündeten den Weihrauch, sangen im Tempelchor oder spielten Musikinstrumente. Ausserhalb ihrer Dienstzeiten lebten zahlreiche Priester und Tempeldiener in Jericho. Deshalb waren sie häufig auf der Strasse zwischen Jerusalem und Jericho unterwegs.
Reisen waren zu jener Zeit mit erheblichen Gefahren verbunden. Ein bestimmter Abschnitt der Strasse nach Jericho trug sogar den Namen «Weg des Blutes», weil dort zahlreiche Reisende ausgeraubt und getötet worden waren. Genau an diesem berüchtigten Ort liess Jesus die Handlung seines Gleichnisses stattfinden. Seine Zuhörer erkannten sofort, welche Gegend er beschrieb.
In der Erzählung begegnet zuerst ein Priester dem überfallenen Mann. Statt ihm zu helfen, wechselt er auf die andere Seite der Strasse und geht weiter. Danach erreicht ein Levit, also ein Tempeldiener, dieselbe Stelle. Auch er bleibt nicht stehen, sondern setzt seinen Weg fort. Schliesslich nähert sich ein Samariter.
Diese Wendung dürfte unter den Zuhörern für erhebliches Aufsehen gesorgt haben. Die Samariter waren eine Volksgruppe mit jüdischen und heidnischen Wurzeln. Viele Juden verachteten sie. Sie beschimpften die Samariter als «Mischlinge» und «heidnische Hunde» und betrachteten sie als geistlich unrein.
Ausgerechnet dieser gesellschaftlich Ausgestossene bleibt in Jesu Geschichte stehen und kümmert sich um den Verletzten. Seine Unterstützung beschränkt sich nicht auf eine kleine Geste. Er tut weit mehr, als die meisten Menschen vermutlich getan hätten. Zuerst reinigt er die Wunden des Opfers mit Öl und Wein und legt Verbände an.
Damals trug niemand eine Erste-Hilfe-Ausrüstung bei sich. Wahrscheinlich musste der Samariter Teile seiner eigenen Kleidung zerreissen, um daraus Verbandsmaterial herzustellen. Danach setzt er den verwundeten Mann auf sein Reittier und bringt ihn in eine Herberge. Dort übergibt er dem Wirt zwei Silbermünzen, die damals einen beträchtlichen Wert besassen. Zusätzlich verspricht er, bei seiner Rückkehr sämtliche weiteren Ausgaben zu erstatten.
Eine solche Fürsorge war aussergewöhnlich. Der Samariter setzte sich für einen völlig fremden Menschen ein, der ausserdem einer Volksgruppe angehörte, die ihn vermutlich als gesellschaftlichen und religiösen Feind betrachtete. Diese Feindschaft hinderte ihn nicht daran, barmherzig zu handeln.
Mit dieser scheinbar einfachen Geschichte bringt Jesus den Gesetzeslehrer durch dessen eigene Frage in Bedrängnis. Er fragt ihn: «Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat» (Lk 10,36-37).
Jesus kehrt die ursprüngliche Fragestellung um. Er fragt nicht: «Welchen Menschen soll ich helfen?» Um die Antwort zu erkennen, sollen wir uns vielmehr in die Lage des Mannes versetzen, der geschlagen, ausgeraubt und zum Sterben zurückgelassen wurde. Aus dieser Perspektive stellt sich eine andere Frage: Wenn ich selbst dringend Hilfe brauche, wen wünsche ich mir dann an meiner Seite? Würden Sie nicht ebenfalls hoffen, dass gerade der Samariter Ihnen zum Nächsten wird?
Welcher der drei Reisenden wurde dem Überfallenen zum Nächsten? Die Antwort liegt auf der Hand. Der Gesetzeslehrer konnte sich offenbar nicht dazu überwinden, das Wort Samariter auszusprechen. Deshalb antwortete er: «Der, der Barmherzigkeit an ihm tat». Dann spricht Jesus den entscheidenden Satz: «So geh hin und tu desgleichen!» (Lk 10,37).
Dieser Gesetzeslehrer gehörte zu einer religiösen Gruppe, deren Mitglieder stolz darauf waren, Gott besonders gewissenhaft zu gehorchen. Sie vermieden beispielsweise, den Namen Gottes auszusprechen, weil sie ihn als zu heilig betrachteten. Manche nahmen sogar ein rituelles Bad, bevor sie den Namen Gottes niederschrieben, um sich zuvor zu reinigen. Gemeinsam mit den Pharisäern achteten sie äusserst genau darauf, jede Einzelheit des Gesetzes einzuhalten.
Der Schriftgelehrte hatte Jesus gefragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erben. Jesu Antwort lässt sich sinngemäss so zusammenfassen: Du musst etwas tun, das für einen Menschen unmöglich ist. Deine Liebe zu anderen müsste alles übersteigen, wozu du aus eigener Kraft fähig bist.
Eine Geschichte der Rettung
Wie könnte ein Mensch jemals dem Massstab entsprechen, den der Samariter in dieser Erzählung setzt? Falls Gott eine solche Liebe verlangt, war selbst der gewissenhafte Gesetzeslehrer verloren. Jesus sagte: «Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen» (Mt 5,20).
Kein Mensch kann die vollkommenen Forderungen des Gesetzes aus eigener Kraft erfüllen. Selbst diejenigen, die ihr gesamtes Leben danach ausrichten, bleiben hinter diesem Massstab zurück. Allein Jesus erfüllte das Gesetz in seiner tiefsten Absicht. Jesus ist der gute Samariter.
Jesus wusste, dass wir selbst nichts tun können, um uns die Ewigkeit bei einem heiligen Gott zu verdienen. Deshalb gab er seiner Antwortgeschichte zwei Ebenen. Auf der unmittelbar erkennbaren Ebene fordert sie Menschen dazu auf, selbst ihre Feinde zu lieben und ihnen Gutes zu tun. Auf einer tieferen Ebene beantwortet Jesus die Frage nach dem ewigen Leben.
Um diese Antwort zu verstehen, müssen wir uns an die Stelle des Mannes setzen, der überfallen, geschlagen und zum Sterben zurückgelassen wurde. Dieser Mann steht für uns und damit für die gesamte Menschheit. Die Räuber verweisen auf die Sünde und die Mächte des Bösen, auf den Teufel und seine Herrschaft. Aus eigener Kraft sind wir nicht stark genug, um gegen diese Mächte zu bestehen.
Der Priester und der Levit verkörpern die Gesetze und Opfer des alten Bundes. Sie können uns nicht retten. Allein der gute Samariter ist in der Lage, die notwendige Hilfe zu leisten. Wein und Öl weisen sinngemäss auf das Blut hin, das Jesus für uns vergossen hat, und auf den Heiligen Geist, der in uns wohnt. Dadurch empfangen wir Heilung.
Die Herberge kann als Bild für die Kirche verstanden werden. Gott bringt sein Volk dorthin, damit es geistlich versorgt wird, bis er für die Seinen zurückkehrt. Auch für diese fortdauernde Fürsorge in unserem Leben kommt Jesus vollständig auf.
Jesus nahm die Frage des Gesetzeslehrers zum Anlass, die Grenzen selbst der grössten menschlichen Anstrengung sichtbar zu machen. Kein Mensch kann sich durch eigene Leistungen erlösen. Gleichzeitig offenbarte Jesus, wie wunderbar, vollkommen und zuverlässig sein Erlösungswerk für die Menschheit ist. Jesus allein kann uns vom «Weg des Blutes» retten. Er vollbrachte diese Rettung durch sein eigenes Blut.
von Joseph Tkach
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