Christus ist mein Leben

935 christus ist mein lebenDer Apostel Paulus schreibt seinen Brief an die Gemeinde in Philippi nicht auf einer Sonnenterrasse, sondern im Gefängnis in Rom. Er weiss nicht, ob und wie sein Leben weitergehen wird. Den Titel dieser Predigt, «Christus ist mein Leben», habe ich von Paulus übernommen:

Phil 1,21-23  «Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiss ich nicht, was ich wählen soll. Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre».

Christus ist mein Leben

Paulus sagt: «Christus ist mein Leben.» Das ist Gegenwart. Er sagt nicht: «Jesus war mein Leben.» Das wäre Vergangenheit. Christus ist jederzeit sein Leben. Gleichzeitig weiss Paulus nicht, was er wählen soll. Das ist eine schwere Frage. Er möchte bei Jesus sein, doch vielleicht ist es nötiger, am Leben zu bleiben und weiterhin zu dienen. Gottes Wille geschehe.

Paulus sagt nicht: «Der Glaube ist mein Leben.»
Auch nicht: «Die Gemeinde ist mein Leben.»
Und nicht: «Die Gesundheit ist mein Leben.»
Sondern: «Christus ist mein Leben.»

Das bedeutet: Unser Leben hat seinen Mittelpunkt nicht in unseren Umständen, sondern in einer Person. Solange wir gesund sind, fällt uns das oft nicht auf. Wir bauen leicht auf das Sichtbare. Eine Krankheit stellt andere Fragen. Dann merken wir plötzlich: Was trägt uns wirklich? Was bleibt, wenn vieles wegfällt?

Ich denke dabei an eine Person aus unserem persönlichen Umfeld. Er ist aussergewöhnlich freundlich und hilfsbereit, packt an, soweit es ihm möglich ist, und strahlt mit seinem frohen Wesen Freude und Liebe aus. Ein Mensch, den man gerne um sich hat und nicht gerne hergibt. Eines Tages eröffnete eine Ärztin ihm und seinen Angehörigen die Diagnose, dass es aus medizinischer Sicht keine Heilungsmöglichkeit für seine schwere Erkrankung gebe. Das war ein echter Hammerschlag für ihn, für seine Angehörigen und für alle, die für ihn vor Gottes Thron um Heilung flehen. Trotzdem sind wir alle aufgefordert, unbeirrt den Weg zu gehen, der von unserem vollständigen Vertrauen zu Gott Zeugnis ablegt.

Für uns stellt sich noch eine weitere Frage: Sind wir bereit, einen geliebten Menschen vertrauensvoll Gottes Händen zu überlassen, was immer geschieht? Woher kommt dieser Gedanke, diese Gewissheit? Und noch wichtiger: Kann diese Gewissheit auch unser Herz tragen, wenn Krankheit, Leid oder Tod uns begegnen? Jesus gibt uns die Antwort:

Joh 6,47 «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben».

Jesus sagt nicht: «Er wird es vielleicht einmal bekommen.» Sondern: Er hat es. Der Glaube verbindet uns schon heute mit Christus, denn ewiges Leben beginnt nicht erst nach dem Tod. Es beginnt dort, wo ein Mensch Jesus vertraut.

Darum konnte Paulus sagen: «Christus ist mein Leben.» Seit der Wiedergeburt ist das für Gläubige Wirklichkeit geworden. Im Vertrauen auf Gott sind wir gegenwärtig hier auf Erden und dann auch in Gottes Herrlichkeit. Ewiges Leben beginnt nicht irgendwann, sondern jetzt.

Der Glaube sieht weiter als das Sichtbare

Wie kommen wir zu einer solchen Gewissheit? Durch Glauben. Glaube ist ein Geschenk und bedeutet nicht, alles zu verstehen. Glaube heisst, dem Herrn Jesus zu vertrauen.

Denken wir an Abraham. Gott hat ihm im hohen Alter Isaak, den Sohn der Verheissung, geschenkt. Dann kam die schwerste Prüfung seines Lebens. Gott forderte ihn auf, Isaak zu opfern. Menschlich gesehen war das unverständlich. Abraham vertraute Gott und dachte:

Hebr 11,17-19 «Durch den Glauben hat Abraham den Isaak dargebracht, als er versucht (geprüft) wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, als er schon die Verheissungen empfangen hatte, 18 von dem gesagt worden war: »Nach Isaak wird dein Geschlecht genannt werden.« 19 Er dachte: Gott kann auch von den Toten erwecken; als ein Gleichnis dafür bekam er ihn auch wieder».

Abraham sah über das Sichtbare hinaus. Das ist Glaube. Deshalb wird er auch als Vater der Gläubigen bezeichnet. Nicht die Umstände bestimmen die Wahrheit. Jesus selbst ist die Wahrheit.

Joh 14,6 «Jesus spricht zu Thomas: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.»

Dasselbe sehen wir bei den Jüngern. Sie sitzen im Boot. Ein grosser Sturm bricht los. Die Wellen schlagen ins Boot hinein, und Jesus schläft. Für die Jünger spricht alles gegen Sicherheit. Alles Sichtbare schreit: «Wir gehen unter und kommen um!»

Die Wirklichkeit Gottes war grösser als ihre Angst. Jesus stand auf und bedrohte Wind und Wasser. Sie legten sich, und es wurde still. Jesus fragte: «Wo ist euer Glaube?», nicht: Warum habt ihr Angst? Die Frage lautet: Wem vertrauen wir mitten in der Angst?

Kranke Menschen und ihre Begleiter kennen den Kampf mit einer Krankheit, ihren heftigen Nebenwirkungen und Auswirkungen und die Tage voller Fragen. Der Herr fragt auch heute: «Vertrauen Sie mir?» Nicht weil die Wellen und das Wasser klein sind, sondern weil er grösser ist als der Sturm.

Sterben ist mein Gewinn

Eine erstaunliche Wahrheit begegnet uns in Johannes 11. Jesu Freund Lazarus ist gestorben. Er liegt bereits vier Tage im Grab. Alles scheint vorbei. Jesus sagt zu Marta, einer Schwester des Verstorbenen:

Joh 11,25-27 «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt».

Wir haben das grosse Vorrecht, dass der, welcher die Auferstehung und das Leben ist, in uns wohnt: Jesus Christus. Nichts kann uns von ihm trennen:

Kol 1,25-27 «Ihr Diener bin ich geworden durch den Auftrag, den Gott mir für euch gegeben hat, dass ich das Wort Gottes in seiner Fülle predige, nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber offenbart ist seinen Heiligen. Denen wollte Gott kundtun, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Völkern ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der».

Wir sind eins mit ihm. Nicht wir haben Christus ergriffen, sondern er hat uns ergriffen, damit wir nun nach ihm greifen. Was uns hält, ist immer sein Griff. Er ist treu und lässt uns in ihm geborgen sein. Das sind sehr tröstliche Worte. Jesus sagte:

Joh 11,11 «Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, dass ich ihn aufwecke».

Jesus spricht vom Tod wie von einem Schlaf. Nicht weil der Tod harmlos wäre, sondern weil er für Jesus nur vorübergehend ist. Er trennt Lebende von den Toten. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Jesus hat vollkommene Macht über den Tod. Darum gelten Jesu Verheissungen auch für uns heute. Jesus, der Lazarus aus dem Grab gerufen hat, wird auch uns mit unserem Namen rufen.

Joh 6,40 «Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage».

Das ist die lebendige Hoffnung aller Christen. Wir glauben an die Auferstehung, an den Sieg Jesu über den Tod und an ein neues Leben bei Gott.

Jesus vertraute seinem Vater

Beim Abendmahl wusste Jesus, was ihn an Leid und Schmach bis in den Tod erwarten würde. Darum ist es eine grosse Hilfe, auf seine Worte zu achten, die er uns mit auf unseren Weg gibt.

Joh 14,28 «Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist grösser als ich».

Seit der Zeit Adams bis heute leben wir in einer ablaufenden und einer anlaufenden Geschichte. Mit unserer Sünde haben wir uns alle eine ablaufende Geschichte eingehandelt: den Tod. Durch Jesu Opfer am Kreuz und seine Auferstehung leben wir zugleich in einer geistlich anlaufenden Geschichte.

Hier liegt unsere Herausforderung. Wer uns in dieser Welt lieb geworden ist, gehört nicht uns, sondern Gott. Darum sollen wir uns freuen, wenn ein geliebter Mensch, der selbst geliebt hat, bei dem Herrn sein darf. Jesus geht bewusst für uns den Weg des Leidens. Nicht weil er Freude am Schmerz hat, sondern weil er dem Vater vollkommen vertraut. Er geht diesen Weg so weit, bis er sagen konnte: «Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!» Jesus legte sich mit ganzem Vertrauen in die Hände seines Vaters (Lk 23,46).

Für Paulus bedeutet Sterben nicht Verlust der Gemeinschaft mit Christus, sondern vollendete Gemeinschaft mit Christus. Er freut sich auf die Heimat bei Gott.

2. Kor 5,5 «Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat».

Der Heilige Geist ist gewissermassen Gottes Anzahlung, das Unterpfand auf die kommende Herrlichkeit. Ein Vorgeschmack. Eine Garantie. Nicht, weil wir stark sind, sondern weil Gott treu ist. Dabei vertraute Paulus auf das für uns noch Unsichtbare, das Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung für uns erreicht hat.

1. Petr 1,8-9 «Ihn, Jesus habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit».

Deshalb können auch wir unsere eigene Zukunft in Gottes Hände legen. Jesus ist diesen Weg für uns vorausgegangen. Er kennt unsere Gefühle, unsere Angst und unsere Schwermut. Er kennt den Weg und geht ihn mit uns. Wir sind nie allein.

Tiefes Verlangen, bei Christus zu sein

Paulus hatte ein tiefe Sehnsucht bei Jesus zu sein: «Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre» (Phil 1,23).

Ps 37,4 «Habe deine Lust am Herrn; der wird dir geben, was dein Herz wünscht».

Mit «Lust» wird ausgedrückt, was für David, Paulus und auch für uns ausschlaggebend ist: das tiefste, innigste Verlangen, bei Christus, dem Herrn, zu sein. Dieser Vers wurde von König David aufgeschrieben, einem Mann nach Gottes Herzen. Die Worte schenken uns eine Verheissung, die alles überstrahlt. Unser tiefes Verlangen, bei Christus zu sein, schenkt uns Freude, Freundlichkeit und Frieden. Alles ist geprägt von Jesu unermesslicher Liebe.

Auch in schweren Zeiten soll unser Herz von der Freude am Herrn erfüllt sein, den wir erwarten und auf den wir vertrauen. Da wir alle unserem irdischen Ende entgegengehen, tragen wir eine schwere Last. Unsere Liebsten sind die Hinterbliebenen. Diese Last zeigt sich im Schmerz um geliebte Mitmenschen, in der Angst vor dem Alleinsein und in der Angst vor der Zukunft. Es ist eine Zeit, in der nicht Stärke und Heldentum zählen, sondern Vertrauen. Jesus sagt: «Wer glaubt, hat das ewige Leben.» Nicht: Wer alles versteht, wer nie zweifelt oder immer stark ist, sondern: wer glaubt.

Der rettende Glaube schaut nicht auf die eigene Kraft. Er schaut auf Jesus Christus. Auf seinen Tod. Auf seine Auferstehung. Auf seine Verheissungen.

  • Für den Glaubenden ist der Tod nicht die Niederlage, sondern die Heimkehr zu Christus.
  • Für die Zurückbleibenden ist der Verlust trotzdem schmerzhaft und darf betrauert werden.

Die Bibel hält beides zusammen. Sie verklärt den Tod nicht, und sie nimmt die Trauer nicht weg. Sie stellt beides unter die Hoffnung Christi.

Der Sterbende gibt sein irdisches Leben hin, gewinnt aber die unmittelbare Gemeinschaft mit Christus. Die trauernden Hinterbliebenen verlieren einen herzlich geliebten Menschen, nicht aber die Hoffnung. Darum dürfen Christen zugleich weinen und hoffen, weil sie ein tiefes Verlangen nach ihrem Herrn haben. Im Johannesevangelium steht der kürzeste Vers mit zwei Worten:

Joh 11,35 «Jesus weinte» oder «Jesus gingen die Augen über».

Er weinte, weil er liebte. Das ist sehr tröstlich. Trauer ist kein Zeichen von mangelndem Glauben oder von Schwäche. Trauer ist Liebe, die einen geliebten Menschen vermisst. Christus ist und bleibt unsere lebendige Hoffnung. Christliche Trauer hat Tränen.

2. Kor 1,3-4 «Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott».

Gott selbst tröstet. Er ist zu jeder Zeit liebevoll, barmherzig und der Gott allen Trostes. Jesus gibt uns ein Beispiel, das uns ermutigt, Trauernde zu trösten. Er geht nicht weg. Er verlässt uns nie. Er geht uns voraus und kommt wieder, damit wir dort sein können, wo er ist.

Kein Mensch, auch Jesus nicht, macht vergessen. Liebe vergisst nicht. Christus schenkt Trost, neue Kraft und seine Gegenwart mitten in der Leere. Jesus tröstet, wo Worte nicht ausreichen.

Joh 14,1 «Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich»

Kein Mensch kann den Platz eines geliebten Menschen ersetzen. Auch Jesus ersetzt ihn nicht. Jesus füllt mit seiner Gegenwart die Leere aus, die niemand sonst füllen kann. Er trägt uns durch den Schmerz, bis wir einst wieder vereint sein werden.

Die Liebe ist der Höhepunkt. Sie trägt uns alle durch Schmerz und Trauer hindurch. Wir vertrauen Jesus. Er schenkt Sterbenden Hoffnung und Trauernden Kraft, bis wir gemeinsam seine Herrlichkeit erleben werden.

Röm 8,38-39 «Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn».

Liebe Leserin und lieber Leser, Christus ist mein Leben. Das ist für uns alle, die wir sterblich sind, die lebendige Hoffnung. Eine Hoffnung für Zeit und Ewigkeit, in der Freude Jesu zu leben.

von Toni Püntener


Weitere Artikel über Jesus Christus:

Unsere neue Identität in Christus

Was heisst es: In Christus zu sein?