Zu viel Gnade?

GnadeManchmal höre ich die Sorge, wir würden die Gnade Gottes zu stark betonen. Wer sich angesichts allzu grosszügig gewährter Gnade Gedanken macht, äussert damit durchaus nachvollziehbare Bedenken. Tatsächlich gibt es Lehrmeinungen, die behaupten, es spiele keine Rolle, wie wir leben, wenn wir aus Gnade und nicht durch Werke gerettet werden. Dieser Irrtum geht davon aus, Gnade sei eine uneingeschränkte Erlaubnis, nach eigenem Belieben zu handeln. Als Antinomismus bezeichnet man die Lehre, welche die Verbindlichkeit des alttestamentlichen Gesetzes bestreitet und stattdessen die menschliche Glaubensfreiheit sowie die göttliche Gnade hervorhebt. Dietrich Bonhoeffer, ein Märtyrer des Naziregimes, sprach in diesem Zusammenhang in seinem Buch Nachfolge von «billiger Gnade». Schon dem Apostel Paulus wurde vorgeworfen, seine Betonung der Gnade verleite Menschen dazu, in der Sünde zu bleiben, damit die Gnade umso grösser erscheine. Seine Antwort auf diesen Vorwurf des Antinomismus war unmissverständlich: «Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!» (Römer 6,15).

Gnade und Gehorsam

Das wahre Problem besteht nicht so sehr in «zu viel Gnade» als vielmehr in der Verkennung dessen, was unter Gnade und Gehorsam zu verstehen ist. Es ist ein Irrtum zu meinen, Gnade erlaube alles, weil sie vom Glauben getragen werde. Weshalb ist das so? Das eigentliche Problem liegt darin, Gnade mit einer Ausnahme von Gottes Gesetz oder seinen Ansprüchen zu verwechseln. Je mehr Gnade, desto mehr Ausnahmen vom Gehorsam. Ein solcher Denkansatz misst Gnade am Gehorsam.

Gottes Gnade in Person

Wie beschreibt die Bibel Gnade? Jesus Christus verkörpert Gottes Gnade und macht sie für uns sichtbar und erfahrbar: «Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen» (Titus 2,11). Gnade befähigt uns, Gottes Geschenk in der Person seines menschgewordenen Sohnes Jesus Christus frei anzunehmen. Jesus bringt uns Gottes gnädige Liebe nahe und hat durch sein stellvertretendes Opfer die Versöhnung mit dem Allmächtigen ermöglicht. Johannes bezeugt, dass das Wort Gottes, das von Anfang an bei Gott war, Mensch wurde: «Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit» (Johannes 1,14). Während das Gesetz durch Mose gegeben ist, ist die Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus geworden: «Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade» (Johannes 1,16).

Jesus zeigt in seinem Reden und Handeln, dass Gott selbst voller Gnade ist. Gott gewährt uns Gnade nicht bloss gelegentlich. Seine gnädigen Taten entspringen seinem gütigen und freigebigen Wesen. Er schenkt sie uns aus freiem Willen, nicht aus Abhängigkeit von uns und nicht aus Pflicht uns gegenüber. Es ist Gottes freies Geschenk: «Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn» (Römer 6,23).

Im Epheserbrief bringt Paulus diese Botschaft in kraftvollen Worten zum Ausdruck: «Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme» (Epheser 2,8-9).

Trotz Widerstand, Auflehnung und Ungehorsam seiner Schöpfung hört Gott nicht auf, uns aus freiem Entschluss an seiner Güte teilhaben zu lassen. Auf unsere Sünde antwortet er mit dem Angebot von Vergebung und Versöhnung, die durch das Sühneopfer seines Sohnes möglich wurde. Gott, der Licht ist und in dem keine Finsternis ist, offenbart sich uns in seinem Sohn durch den Heiligen Geist, damit wir in ihm Leben in seiner ganzen Fülle haben (Johannes 10,10).

War Gott schon immer gnädig?

Gerade im Zusammenhang mit dem Neuen Bund wird deutlich, dass das Gesetz nicht die alleinige Grundlage von Gottes Beziehung zu uns ist. Das zeigt sich, wenn Jesus von seiner ewigen Beziehung zum Vater spricht. Er macht deutlich, dass sein Wesen und sein Charakter mit denen des Vaters übereinstimmen: «Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst» (Johannes 17,22-23).

Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist nicht durch Regeln, Verpflichtungen oder das Erfüllen von Bedingungen bestimmt. Zwischen ihnen besteht kein Vertrag und kein Bund. Der Gedanke an eine vertragliche oder gesetzesbasierte Beziehung zwischen Vater und Sohn ist abwegig. Die Wahrheit, die uns durch Jesus offenbart wurde, lautet vielmehr, dass ihre Beziehung von heiliger Liebe, Treue, Selbsthingabe und gegenseitiger Verherrlichung geprägt ist. Die Dreieinigkeit ist Grundlage und Quelle für Gottes Handeln in jeder Beziehung.

Im Rahmen des Bundes bekannte sich Gott aus freiem Entschluss und in seiner ganzen Güte zu Israel. Das hatte nichts damit zu tun, was Israel ihm hätte bieten können: «Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr grösser wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat» (5. Mose 7,6-8). Ein Bund ist ein Versprechen: «Ich will euch annehmen zu meinem Volk und will euer Gott sein, dass ihr’s erfahren sollt, dass ich der Herr bin, euer Gott, der euch wegführt von den Lasten, die euch die Ägypter auflegen» (2. Mose 6,7).

Gottes Segensschwur war einseitig. Er ging allein von ihm aus. Der Bundesschluss mit Israel war ein Akt der Gnade. Die ersten Kapitel der Bibel zeigen, dass die Schöpfung ein Akt freien Schenkens war. Es gab nichts, das ein Recht auf Existenz verdient hätte. Gott selbst sagt: «Gott sah, dass es gut war» (1. Mose 1,18).

Gott lässt seine Schöpfung immer aus freiem Willen an seiner Güte teilhaben. Er tut dies von Ewigkeit her aus seinem innersten Wesen als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Alles, was diese Trinität an der Schöpfung sichtbar werden lässt, entspringt dem Überfluss ihrer inneren Gemeinschaft. Als Gott an Mose vorüberging, offenbarte er sein Wesen: «Ich bin der Herr, der barmherzige und gnädige Gott. Meine Geduld ist gross, meine Liebe und Treue kennen kein Ende!» (2. Mose 34,6 Hoffnung für Alle).

Eva war eine Gabe der Güte Gottes an Adam, damit er nicht länger allein sei. Ebenso schenkte der Allmächtige Adam und Eva den Garten Eden und gab ihnen die lohnende Aufgabe, ihn so zu pflegen, dass er Frucht bringe und Leben in Fülle hervorbringe. Adam und Eva mussten keine Bedingungen erfüllen, bevor Gott ihnen diese guten Gaben aus freiem Willen schenkte. Wie war es nach dem Sündenfall, als die Sünde Einzug hielt? Auch da zeigt sich, dass Gott seine Güte weiterhin freiwillig und bedingungslos erweist. Denken wir daran, dass Gott ihnen Felle als Kleidung gab. Selbst ihre Vertreibung aus dem Garten Eden war ein Akt der Gnade, weil sie dadurch daran gehindert wurden, in ihrer sündigen Verfassung vom Baum des Lebens zu essen.

Die Güte der erwiesenen Gnade

Gott ist gnädig, unabhängig von der Tatsache der Sünde. Es braucht nicht erst nachweisbare Sündhaftigkeit, damit er Gnade erweist. Deshalb trifft zu, dass Gott nicht aufhört, seiner Schöpfung seine Güte aus freiem Entschluss zu schenken, selbst wenn sie diese nicht verdient. Er bietet ihr freiwillig Vergebung an, erkauft durch sein eigenes versöhnendes Sühneopfer.

Auch wenn wir sündigen, bleibt Gott treu, weil er sich selbst nicht verleugnen kann: «Sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen» (2. Timotheus 2,13). Weil Gott sich selbst immer treu bleibt, begegnet er uns auch dann in Liebe und hält an seinem heiligen Plan für uns fest, wenn wir uns dagegen auflehnen. Diese Beständigkeit seiner Gnade zeigt, wie ernst es Gott damit ist, seiner Schöpfung Gutes zu tun: «Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren» (Römer 5,6-8).

Gott ist uns gegenüber gnädig, ungeachtet unserer Sündhaftigkeit. Er erweist sich seiner Schöpfung gegenüber als treu und gut und hält an seiner verheissungsvollen Bestimmung für sie fest. Das erkennen wir in voller Klarheit an Jesus, der sich bei der Vollendung seines Sühnewerks durch keine Macht des Bösen davon abbringen liess. Die Mächte des Bösen konnten ihn nicht daran hindern, sein Leben für uns hinzugeben, damit wir leben. Weder Schmerz noch Leiden noch tiefste Demütigung konnten ihn davon abhalten, seiner heiligen, von Liebe getragenen Bestimmung treu zu bleiben und die Menschen mit Gott zu versöhnen: «Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem» (Römer 12,21).

Gottes Güte fordert nicht, Böses möge sich zu Gutem kehren. Aber wenn es um das Böse geht, weiss die Güte genau, was es zu tun gilt: Es gilt, es zu überwinden, es zu besiegen und zu bezwingen. Zu viel Gnade gibt es also nicht!

von Gary Deddo


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