Die ausgegossene Liebe Gottes
Gottes Liebe ist nicht nur eine allgemeingültige, gedankliche Wahrheit, die uns Trost, Ermutigung oder Lehre bietet. Durch den Heiligen Geist wird sie zu einer lebendigen Kraft in uns und erweckt uns zu neuem Leben: «Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist» (Röm 5,5).
Wahre Selbsterkenntnis beginnt, wenn wir nicht nur unsere Fehler erkennen, sondern auch verstehen, dass wir Gott zu wenig geliebt, den Nächsten zu wenig beachtet und uns selbst zu sehr in den Mittelpunkt gestellt haben. Gottes Liebe, die in unser Herz ausgegossen wird, befähigt uns, Gott selbst wahrhaftig zu lieben.
Der Wille Gottes
Im Alten Bunde offenbarte Gott seine Liebe, Güte und Treue gegenüber seinem halsstarrigen und selbstbezogenen Volk Israel. Gottes eigene Liebe sollte in ihnen eine Reaktion hervorrufen: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft» (5. Mose 6,5). Ebenso heisst es: «Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr» (3. Mose 19,18).
Jesus bekräftigt diese zentrale Position des göttlichen Willens: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten» (Mt 22,37–40).
Im Alten Bund zog Gott sein Volk zu sich, erzog es und gab ihm seine Gebote. Er sagte: «Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte» (Jer 31,3). Das Gesetz konnte Liebe zwar fordern, sie aber nicht hervorbringen. Es zeigte den Willen Gottes, vermochte das Herz aber nicht aus eigener Kraft zu erneuern. Es machte deutlich, wie der Mensch leben soll, schenkte ihm aber noch nicht die Fülle des neuen Lebens.
Gottes Ziel
Gottes Heilsplan richtet sich nicht allein darauf, Schuld zu vergeben. Gottes Wille ist, den Menschen zu erneuern. Er möchte uns aus der Eigenliebe herausführen und wieder mit seiner Liebe erfüllen. Petrus schreibt: «Durch sie sind uns die kostbaren und allergrössten Verheissungen geschenkt, damit ihr durch sie Anteil bekommt an der göttlichen Natur, wenn ihr der Vergänglichkeit entflieht, die durch Begierde in der Welt ist» (2. Petr 1,4).
Anteil an der göttlichen Natur bedeutet nicht, dass der Mensch Gott wird. Gottes Heilsplan will uns Abgewichene aus der Eigenliebe zurückführen und mit seiner Liebe erfüllen, damit wir lieben können.
Christus, die erschienene Liebe
Eine höhere Offenbarung des Heils musste wirksam werden. Jesus musste in unsere Welt kommen, damit in ihm die Liebe Gottes sichtbar wurde: «Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit» (Joh 1,14). Paulus schreibt über Christus: «Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung» (Kol 1,15).
An Jesus erkennen wir die Liebe Gottes. Sie ist eine Liebe, die sucht, trägt, vergibt, heilt, zurechtbringt und sich hingibt. Gleichzeitig offenbart sich an ihm, wie der Mensch leben sollte. Christus ist Offenbarung Gottes und Spiegel des Menschen zugleich. Vor ihm wird sichtbar, wie weit wir von der Liebe entfernt sind. Die Welt verstand und ertrug diese Liebe nicht. Gerade die Liebe Gottes, die in Christus unter den Menschen lebte, wurde verworfen. Gottes Liebe endete nicht mit dieser Ablehnung. Vielmehr vollbrachte Jesus in seiner Liebe für uns etwas noch Grösseres.
Das Kreuz und Pfingsten
Am Kreuz beglich Gottes Liebe die Schuld der gesamten Menschheit. Paulus schreibt: «Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren» (Röm 5,8).
Johannes schreibt dasselbe: «Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden» (1. Joh 4,9–10).
Obwohl unsere Versöhnung mit Gott am Kreuz vollbracht wurde, ist unsere Erneuerung durch Gott noch nicht vollendet. Gottes Liebe will nicht nur für uns sterben, um unser Herz zu reinigen, sondern er will es auch bewohnen. Deshalb führt der Weg von Golgatha nach Pfingsten. Was Christus am Kreuz für uns erworben hat, wird durch den Heiligen Geist in uns wirksam.
An Pfingsten wurde die Liebe Gottes in Menschenherzen ausgegossen: «Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist» (Röm 5,5). Der Heilige Geist ist nicht nur Geber von Gaben und Kraftwirkungen. Er ist der, durch den Gottes Liebe im Menschen Wohnung nimmt. Wiedergeburt ist deshalb nicht nur ein neuer Anfang, sondern die Wiedererlangung des Liebeslebens Gottes. Geistesfülle ist Liebesfülle.
Die erste Gemeinde in Jerusalem zeigt, was geschieht, wenn diese Liebe Menschen ergreift: «Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam» (Apg 4,32). Das eigentliche Wunder war nicht nur das äussere Zeichen des Geistes, sondern die neue Gemeinschaft der Liebe.
Liebe wird im Glauben empfangen
Warum erleben viele Christen diese Liebe so wenig? Oft, weil sie mehr auf ihr Gefühl schauen als auf Gottes Wort: «Er rettete uns, nicht wegen unserer guten Taten, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit. Er wusch unsere Schuld ab und schenkte uns durch den Heiligen Geist ein neues Leben. Durch das, was Jesus Christus, unser Retter, für uns getan hat, schenkte er uns den Heiligen Geist» (Titus 3,5-6).
Sie lesen diesen Vers und denken vielleicht: Das gilt nicht mir, denn ich spüre diese Liebe nicht. Der Glaube beginnt nicht beim Gefühl, sondern bei Gottes Zusage. Wenn der Heilige Geist gegeben ist, dann ist auch die Liebe Gottes gegeben. Wer Christus im Glauben gehört, darf sich auf dieses Wort verlassen: «Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist» (Gal 5,6).
Dieser Glaube wartet nicht passiv auf stärkere Empfindungen, er beginnt Gott zu lieben, weil Gott seine Liebe zugesagt hat. So wird Liebe greifbar, nicht als Gefühl, sondern als Ausdruck des Glaubens durch Gehorsam.
Wirkung der Liebe
Zuerst befähigt uns die ausgegossene Liebe Gottes, Gott selbst recht zu lieben. Vorher lieben wir Gott oft um unseretwillen. Wir lieben ihn, solange er unsere Wünsche erfüllt, unsere Wege bestätigt und uns gibt, was wir erhoffen. Gottes Liebe aber macht frei von dieser berechnenden Frömmigkeit. Sie führt dahin, Gott um seiner selbst willen zu lieben. Jesus sagt: «Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen» (Joh 14,23).
Gottes Liebe verbindet uns mit ihm und verwandelt unser Herz in einen Ort, an dem Christus durch den Glauben wohnt. «Dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid» (Eph 3,17).
Dann befähigt diese Liebe, Menschen recht zu lieben. Natürliche Liebe bleibt oft wählerisch. Sie liebt, wer nahe steht, angenehm ist oder Liebe erwidert. Gottes Liebe aber macht den Nächsten nicht abhängig von Sympathie. Sie klammert nicht, sie stösst nicht ab, sie bleibt nicht gleichgültig. Sie liebt um Gottes willen.
Die Liebe Gottes, die in unsere Herzen ausgegossen ist, befähigt uns, selbst unsere Feinde zu lieben. Paulus erinnert uns daran, dass Gott uns liebte, als wir noch Feinde waren: «Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind» (Röm 5,10). Feindesliebe ist die Frucht der Liebe Gottes, die in uns Christen lebt.
In seiner Liebe bleiben
Jesus sagt: «Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!» (Johannes 15,9). Das ist ein entscheidender Trost. Unsere Liebe ist schwach, wechselhaft und unzuverlässig. Christus aber ruft uns in seine Liebe hinein. In dieser Liebe bleiben heisst, aus ihr leben, ihr vertrauen und sich von ihr leiten lassen. Jesus erklärt: «Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe» (Joh 15,10). Das ist kein gesetzlicher Druck. Es ist das Leben der Liebe Gottes in uns. Wer in Christi Liebe bleibt, lernt, der Eigenliebe zu widersprechen. Selbstverleugnung und Kreuztragen sind nicht der Verlust der Liebe, sondern der Weg, auf dem Christi Liebe in uns Raum gewinnt.
Die Liebe treibt die Furcht aus
Wo Gottes Liebe lebt, verliert knechtische Furcht ihre Kraft. Johannes schreibt: «Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe» (1. Joh 4,18).
Diese Liebe befreit zuerst von der Furcht des bösen Gewissens. Wer auf das Kreuz Christi schaut, muss nicht mehr in Angst vor Strafe leben. «So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind» (Röm 8,1).
Das selbstsüchtige Ich, das sich selbst in den Mittelpunkt stellt, fürchtet zwangsläufig vor allem das, was es bedrohen könnte. Wir fürchten Verlust, Ablehnung, Benachteiligung, Leid und Tod, weil das Selbst sein eigenes Überleben anstrebt. Je mehr Gottes Liebe das Herz erfüllt, desto mehr verliert diese Angst ihre Macht.
Nichts kann uns scheiden
Am Ende steht die grosse Gewissheit: Gottes Liebe ist stärker als alles, was uns erschüttern kann. Paulus fragt: «Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blösse oder Gefahr oder Schwert?» (Röm 8,35).
Leid spricht nicht gegen die Liebe Gottes. Es kann weh tun, verunsichern und unsere Kraft übersteigen. Aber es kann die Verbindung mit Christus nicht lösen. Darum fährt Paulus fort: «Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat» (Röm 8,37).
Gottes Liebe entspringt nicht aus unseren Bemühungen. Sie kommt von Gott, erscheint in Christus, versöhnt uns am Kreuz, wird durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen und trägt uns durch alles hindurch. Paulus drückte diese unerschütterliche Wahrheit mit Überzeugung aus: «Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn» (Röm 8,38–39).
von Fritz Binde
Fritz Binde (1867–1921) war ein deutscher Prediger, Evangelist und Schriftsteller der Gemeinschaftsbewegung. Nach einem Weg durch Freidenkertum, Sozialismus und Anarchismus kam er zum christlichen Glauben und wurde besonders als Evangelist unter Gebildeten bekannt.
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