Die Wahrheit und unser Herz
Der erste und wichtigste Schritt zum Verständnis der Wahrheit zeigt sich in einem Gespräch zwischen Jesus und Pilatus. Pilatus eröffnete die Begegnung mit der Frage, ob Jesus der König der Juden sei. Jesus antwortete ihm unerwartet: «Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt» (Joh 18,34).
In Wirklichkeit prüfte Jesus die Aufrichtigkeit des Pilatus. Er machte sichtbar, dass Pilatus nicht bereit war, seine eigene Frage ernsthaft zu bedenken. Wer die Wahrheit liebt, muss bereit sein, sich von ihr hinterfragen zu lassen. Pilatus sprach zu Jesus: «So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme» (Joh 18,37).
Jesus bezeugte nicht nur, dass es Wahrheit gibt. Er verkörperte sie vollkommen: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich» (Joh 14,6).
Gott hat das Leben aus der Wahrheit durch die Geburt, das Leben, den Tod und die Auferstehung seines Sohnes offenbart. Jedes Wort und jede Tat Jesu, sein Leben im Fleisch sind die endgültige Wahrheit. Gottes Antwort auf die grossen Fragen nach Ursprung, Sinn, Moral und letzter Bestimmung wird nicht durch abstraktes Denken bewiesen. Sie wird durch die Tiefe der Erfahrung bestätigt.
Der Hüter der Vernunft, der Heilige Geist, führt uns dazu, die Übereinstimmung seines Wortes mit der Wirklichkeit zu erkennen. Es ist ein grosses Privileg, Gott zu kennen und unser Leben an der Wahrheit auszurichten. Das schenkt uns innere Klarheit und Einheit. Christus sagte: «Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen» (Joh 8,31–32).
In einer Welt, die immer stärker von Irrtum und Lüge verführt wird, ist es wunderbar, durch die Wahrheit zu seinem Frieden befreit zu sein. In meiner Kindheit in Indien begegnete mir eine Geschichte über einen kleinen Jungen, der eine beeindruckende Sammlung wunderschöner Murmeln besass. Er hatte ständig die Tüte voller Süssigkeiten seiner Schwester im Blick. Eines Tages sagte er zu ihr: Wenn du mir all deine Süssigkeiten gibst, tausche ich mit dir alle meine Murmeln. Sie dachte gründlich darüber nach und willigte schliesslich in den Handel ein. Er nahm ihre Süssigkeiten und ging in sein Zimmer zurück, um seine Murmeln zu holen. Je länger er sie ansah, desto schwerer fiel es ihm, alle abzugeben. Deshalb versteckte er die schönsten Murmeln unter seinem Kissen und brachte seiner Schwester den Rest. In jener Nacht schlief sie tief und fest, während er sich unruhig im Bett hin und her wälzte und sich immer wieder fragte: «Hat meine Schwester mir wirklich alle Süssigkeiten gegeben?»
Wie der Junge in der Geschichte die besten Murmeln für sich behielt und danach von Misstrauen erfüllt wurde, so trägt auch der Mensch oft ein geteiltes Herz in sich. Wer selbst nicht ehrlich handelt, beginnt auch an der Ehrlichkeit anderer zu zweifeln. Auf diese Weise verliert der Mensch seinen Frieden und fängt an, überall Zweifel zu hegen, sogar gegenüber Gott. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob genügend Beweise für die Wahrheit vorhanden sind, sondern ob wir bereit sind, aufrichtig vor Gott zu treten. Glauben wir Jesu Wort, dass er die Wahrheit ist, oder stützen wir uns lieber auf das, was andere über ihn sagen?
von Ravi Zacharias
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