Jesus und die Frauen

670 jesus und die frauen Im Umgang mit Frauen verhielt sich Jesus geradezu revolutionär im Vergleich zu den Bräuchen, wie sie in der Gesellschaft des ersten Jahrhunderts üblich waren. Jesus begegnete den Frauen in seiner Umgebung auf Augenhöhe. Sein ungezwungener Umgang mit ihnen war für die damalige Zeit äusserst ungewöhnlich. Er brachte Ehre und Respekt gegenüber allen Frauen. Im Gegensatz zu den Männern seiner Generation lehrte Jesus, dass Frauen vor Gott den Männern gleichgestellt und gleichberechtigt sind. Frauen konnten ebenso Gottes Vergebung und Gnade empfangen und vollwertige Mitbürgerinnen im Reich Gottes sein. Die Frauen waren durch Jesu Verhaltensweise überglücklich gestimmt und begeistert und viele von ihnen stellten ihr Leben in seinen Dienst. Schauen wir uns anhand der historischen Erzählungen in der Heiligen Schrift da Beispiel seiner Mutter Maria an.

Maria, die Mutter Jesu

Als Maria ins Teenageralter kam, war es ihr Vater, der ihre Vermählung arrangierte. Das war der Brauch in jener Zeit. Maria sollte die Ehefrau des Zimmermanns Joseph werden. Durch ihre Geburt als Mädchen in einer jüdischen Familie war ihre Rolle als Frau fest zugeordnet vorgegeben. Aber ihre Rolle in der Geschichte der Menschheit war aussergewöhnlich. Gott hatte sie auserwählt, die Mutter Jesu zu werden. Als der Engel Gabriel zu ihr kam, war sie erschrocken und fragte sich, was dessen Erscheinung bedeute. Der Engel beruhigte sie und erklärte ihr, dass sie diejenige sei, die Gott als Mutter Jesu auserwählt habe. Maria fragte den Engel, wie das zugehen soll, da sie keinen Mann kennen würde. Der Engel erwiderte: «Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich» (Lukas 1,35-37). Maria antwortete dem Engel: Ich will mich dem Herrn ganz zur Verfügung stellen. Alles soll so geschehen, wie du es gesagt hast. Darauf verliess sie der Engel.

Obwohl sie wusste, dass ihr Schande und Demütigung drohten, fügte sich Maria im Glauben mutig und bereitwillig dem Willen Gottes. Sie war sich im Klaren darüber, dass Josef sie deswegen möglicherweise nicht heiraten würde. Obwohl Gott sie beschützte, indem er Josef im Traum aufzeigte, dass er sie trotz ihrer Schwangerschaft heiraten solle, verbreitete sich die Begebenheit ihrer vorehelichen Schwangerschaft. Josef blieb Maria treu und heiratete sie.

Maria taucht im Brief von Johannes nur zweimal auf, und zwar ganz am Anfang in Kana, dann erst wieder ganz am Ende des Lebens Jesu unter dem Kreuz – und beide Male nennt Johannes sie Mutter Jesu. Jesus hat seine Mutter während seines ganzen Lebens und auch bei seiner Kreuzigung geehrt. Als Jesus sie dort sah, zweifellos schockiert über das, was sie mit ansehen musste, liess er sie und Johannes mitfühlend wissen, wie sie nach seinem Tod und seiner Auferstehung versorgt werden würde: «Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich» (Johannes 19,26-27). Jesus brachte Ehre und Respekt nicht seiner Mutter entgegen.

Maria Magdalena

Eines der ungewöhnlichsten Beispiele aus der Anfangszeit des Wirkens Jesu ist die hingebungsvolle Nachfolge von Maria Magdalena. Sie gehörte zu der Gruppe von Frauen, die mit Jesus und seinen 12 Jüngern reiste und wird unter den weiblichen Mitreisenden an erster Stelle genannt: «Dazu etliche Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben Dämonen ausgefahren waren» (Lukas 8,2).

Ausdrücklich erwähnt werden ihre Dämonen, also die schwierige Vergangenheit, die diese Frau erleben musste. Gott gab Frauen Schlüsselpositionen, um seine Botschaft in die Welt hinauszutragen, so auch bei der Auferstehung. Die Zeugenaussage von Frauen war damals wertlos, denn das Wort von Frauen galt vor Gericht nichts. Das ist bemerkenswert, Jesus hat Frauen als Zeuginnen seiner Auferstehung erwählt, obwohl er genau wusste, dass ihr Wort vor der damaligen Welt niemals als Beweis gelten konnte: «Sie wandte sich um und sieht Jesus stehen und weiss nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heisst: Meister!» (Johannes 20,14-16). Maria Magdalena ging sofort hin und erzählte den Jüngern die unverrückbare Neuigkeit!

Maria und Marta

Jesus lehrte, dass Frauen genauso wie Männer dafür verantwortlich sind, in Gnade und Erkenntnis zu wachsen, wenn es darum geht, zu seinen Nachfolgern zu gehören. Dies kommt in dem Bericht des Evangelisten Lukas über den Besuch Jesu im Haus von Marta und Maria, die in Bethanien, einem Dorf, etwa drei Kilometer von Jerusalem entfernt, lebten, deutlich zum Ausdruck. Marta hatte Jesus und seine Jünger zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. Doch während Marta damit beschäftigt war, ihre Gäste zu bedienen, hörte ihre Schwester Maria zusammen mit den anderen Jüngern Jesus aufmerksam zu: «Sie hatte eine Schwester, die hiess Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füssen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!» (Lukas 10,39-40).
Jesus tadelte Marta nicht dafür, dass sie mit Dienen beschäftigt war, er sagte ihr, dass ihre Schwester Maria diejenige war, die zu dieser Zeit ihre Prioritäten richtig gesetzt hatte: «Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden» (Lukas 10,41-42). Jesus liebte Marta genauso wie Maria. Er sah, wie sie sich bemühte, aber er erklärte ihr auch, dass das pflichtgetreue Tun zweitrangig ist. Viel wichtiger ist die Beziehung zu ihm.

Eine Tochter Abrahams

Ein weiterer faszinierender Bericht des Lukas handelt von der Heilung einer behinderten Frau, in der Synagoge, direkt vor den Augen des Synagogenvorstehers: «Er lehrte in einer Synagoge am Sabbat. Und siehe, eine Frau war da, die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist, der sie krank machte; und sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten. Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, du bist erlöst von deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott» (Lukas 13,10-13).

Nach Ansicht des religiösen Vorstehers hatte Jesus den Sabbat gebrochen. Er empörte sich darüber: «Es sind sechs Tage, an denen man arbeiten soll; an denen kommt und lasst euch heilen, aber nicht am Sabbattag» (Vers 14). Wurde Christus durch diese Worte eingeschüchtert? Nicht im Geringsten. Er entgegnete ihm: «Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Musste dann nicht diese, die doch Abrahams Tochter ist, die der Satan schon achtzehn Jahre gebunden hatte, am Sabbat von dieser Fessel gelöst werden? Und als er das sagte, schämten sich alle, die gegen ihn waren. Und alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten, die durch ihn geschahen» (Lukas 13,15-17).

Jesus zog nicht nur den Zorn der jüdischen Führer auf sich, indem er diese Frau am Sabbat heilte, er zeigte für sie seine Wertschätzung, indem er sie eine «Tochter Abrahams» nannte. Die Vorstellung, ein Sohn Abrahams zu sein, war weit verbreitet. Jesus verwendet diesen Begriff einige Kapitel später in Bezug auf Zachäus: «Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams» (Lukas 19,9).

Vor seinen schärfsten Kritikern zeigte Jesus öffentlich sein Besorgtsein und seine Wertschätzung für diese Frau. Alle schauten jahrelang zu, wie sie sich in ihrem Elend abmühte in die Synagoge zu kommen, um Gott anzubeten. Möglicherweise haben sie diese Frau gemieden, weil sie eine Frau oder behindert war.

Weibliche Nachfolger und Zeugen Jesu

Die Bibel gibt nicht genau an, wie viele Frauen mit Jesus und seinen Jüngern unterwegs waren, aber Lukas nennt die Namen einiger prominenter Frauen und erwähnt, dass es «viele andere» gab. «Es begab sich danach, dass er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zog und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes; und die Zwölf waren mit ihm, dazu etliche Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben Dämonen ausgefahren waren, und Johanna, die Frau des Chuza, eines Verwalters des Herodes, und Susanna und viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe» (Lukas 8,1-3).

Denken Sie über diese bemerkenswerten Worte nach. Hier waren Frauen nicht nur mit Jesus und seinen Jüngern zusammen, sondern reisten auch mit ihnen. Beachten Sie, dass zumindest einige dieser Frauen Witwen waren und über ihre eigenen Finanzen verfügten. Durch ihre Grosszügigkeit wurden Jesus und seine Jünger zumindest teilweise unterstützt. Obwohl Jesus unter den kulturellen Traditionen des ersten Jahrhunderts wirkte, ignorierte er die Beschränkungen, die den Frauen durch ihre Kultur auferlegt worden waren. Frauen waren frei, ihm zu folgen und sich an seinem Dienst für die Menschen zu beteiligen.

Die Frau aus Samarien

Das Gespräch mit der ausgegrenzten Frau am Jakobs Brunnen in Samarien ist das längste aufgezeichnete Gespräch, das Jesus mit irgend einer Person geführt hat und das mit einer nichtjüdischen Frau. Ein theologisches Gespräch am Brunnen – mit einer Frau! Das konnten selbst die Jünger, die ja schon einiges gewohnt waren, mit Jesus zu erleben, nicht fassen. «Unterdessen kamen seine Jünger, und sie wunderten sich, dass er mit einer Frau redete; doch sagte niemand: Was willst du?, oder: Was redest du mit ihr?» (Johannes 4,27).

Jesus vertraute ihr das an, was er bisher noch niemandem gesagt hatte, nämlich, dass er der Messias ist: «Spricht die Frau zu ihm: Ich weiss, dass der Messias kommt, der da Christus heisst. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet» (Johannes 4,25-26).

Darüber hinaus war die Lektion, die Jesus ihr über lebendiges Wasser gab, genauso tiefgreifend, wie das Gespräch mit Nikodemus. Im Gegensatz zu Nikodemus erzählte sie ihren Nachbarn von Jesus, und viele von ihnen glaubten an Jesus, wegen des Zeugnisses der Frau.

Vielleicht wird, um dieser Frau willen, ihre wahre soziale Stellung in Samaria nicht gebührend gewürdigt. Die Erzählung scheint darauf hinzuweisen, dass sie eine sachkundige, informierte Frau war. Ihr Gespräch mit Christus offenbart eine intelligente Vertrautheit mit den wichtigsten theologischen Themen ihrer Zeit.

Alle sind eins in Christus

In Christus sind wir alle Kinder Gottes und vor ihm gleichgestellt. Wie der Apostel Paulus schrieb: «Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus» (Galater 3,26-28).

Die bedeutsamen Worte von Paulus, vor allem wenn sie Frauen betreffen, sind auch heute noch kühn und waren zu der Zeit, als er sie schrieb, sicherlich erstaunlich. Jetzt haben wir ein neues Leben in Christus. Alle Christen haben eine neue Beziehung zu Gott. Durch Christus sind wir – sowohl Männer als auch Frauen – Gottes eigene Kinder und eins in Jesus Christus geworden. Jesus hat durch sein persönliches Beispiel gezeigt, dass es an der Zeit ist, die alten Vorurteile, das Gefühl der Überlegenheit über andere, die Gefühle des Grolls und des Zorns abzulegen und in einem neuen Leben mit ihm und durch ihn zu leben.

von Sheila Graham