Evangelisation durch die Brille Jesu sehen

427 evangelisation

Während einer Heimfahrt suchte ich im Radio nach etwas, das mich interessieren könnte. Ich landete bei einem christlichen Sender, wo der Prediger gerade Folgendes verkündigte: „Das Evangelium ist nur dann eine gute Nachricht, wenn es nicht zu spät ist!“ Es ging ihm darum, dass Christen ihre Nachbarn, Freunde und Familien evangelisieren sollen, sofern diese Jesus als Herrn und Erlöser noch nicht angenommen haben. Die zugrundeliegende Botschaft war offensichtlich: „Ihr müsst das Evangelium verkündigen, bevor es zu spät ist!“ Obwohl diese Auffassung von vielen (wenn auch nicht allen) evangelikalen Protestanten geteilt wird, gibt es auch andere Auffassungen, die von orthodoxen Christen sowohl heutzutage als auch in der Vergangenheit vertreten wurden. Ich werde hier einige Auffassungen kurz darlegen, die den Schluss zulassen, dass wir nicht genau wissen müssen, wie und wann Gott Menschen zur Erlösung führt, damit sie heute aktiv am bestehenden Evangelisations-Werk des Heiligen Geistes teilhaben.

Restriktivismus

Der Prediger, den ich im Radio hörte, vertritt eine Ansicht über das Evangelium (und die Erlösung), die auch als Restriktivismus bezeichnet wird. Diese Auffassung behauptet, dass es für eine Person, die Jesus Christus nicht ausdrücklich und bewusst als Herrn und Erlöser vor ihrem Tode akzeptiert hat, keine Gelegenheit mehr gibt, errettet zu werden; Gottes Gnade gelte dann nicht mehr. Der Restriktivismus lehrt somit, dass der Tod irgendwie stärker sei als Gott – wie „kosmische Handschellen“, die Gott daran hindern würden, Menschen zu retten (selbst wenn es nicht deren Schuld ist), die sich zu Lebzeiten nicht ausdrücklich zu Jesus als ihren Herrn und Erlöser bekannt haben. Nach der Lehre des Restriktivismus besiegelt die zu Lebzeiten fehlende Ausübung des bewussten Glaubens an Jesus als Herrn und Erlöser das Schicksal 1. derer, die sterben, ohne das Evangelium gehört zu haben, 2. derer, die sterben, aber ein falsches Evangelium angenommen haben und 3. derer, die sterben, aber ein Leben mit einer geistigen Behinderung geführt haben, wodurch sie nicht in der Lage waren, das Evangelium zu verstehen. Durch das Aufstellen derart harter Bedingungen für Menschen, die in die Erlösung eintreten und solchen, denen es verwehrt ist, wirft der Restriktivismus verblüffende und herausfordernde Fragen auf.

Inklusivismus

Eine weitere Auffassung über die Evangelisation, die von vielen Christen vertreten wird, ist als Inklusivismus bekannt. Diese Auffassung, die die Bibel als autoritativ ansieht, versteht die Erlösung als etwas, dass nur durch Jesus Christus erlangt werden kann. Innerhalb dieser Lehrmeinung gibt es viele Ansichten über das Schicksal derjenigen, die vor ihrem Tod kein ausdrückliches Bekenntnis ihres Glaubens an Jesus abgelegt haben. Diese Vielfalt der Ansichten findet sich überall im Verlauf der Kirchengeschichte. Justin der Märtyrer (2. Jh) und C.S. Lewis (20. Jh) lehrten beide, dass Gott die Menschen allein aufgrund des Werkes Christi errettet. Eine Person kann errettet sein, selbst wenn sie nichts von Christus weiss, sofern sie einen „impliziten Glauben“ hat, der durch Gottes Gnade in ihrem Leben mit Hilfe des Heiligen Geistes gewirkt wurde. Beide lehrten, dass der „implizite“ Glaube „explizit“ wird, wenn Gott die Umstände so lenkt, dass sie der Person erlauben zu verstehen, wer Christus ist und wie Gott durch Gnade, ihre Errettung durch Christus ermöglicht hat.

Postmortale Evangelisation

Eine weitere Auffassung (innerhalb des Inklusivismus) bezieht sich auf die Glaubensrichtung, die man als postmortale Evangelisation bezeichnet. Diese Auffassung behauptet, die Nichtevangelisierten können auch nach dem Tode von Gott erlöst werden. Diese Ansicht wurde am Ende des zweiten Jahrhunderts durch Clemens von Alexandria vertreten und in der Neuzeit von dem Theologen Gabriel Fackre (geb. 1926) populär gemacht. Der Theologe Donald Bloesch (1928-2010) lehrte ebenfalls, dass diejenigen, die in diesem Leben keine Gelgenheit hatten, Christus zu erkennen, jedoch auf Gott vertrauen, von Gott dazu die Gelegenheit erhalten, wenn sie nach dem Tode vor Christus stehen.

Universalismus

Einige Christen vertreten die Auffassung, die unter dem Begriff Universalismus bekannt ist. Diese Ansicht lehrt, dass (auf irgendeine Weise) jeder notwendigerweise errettet werden wird, unabhängig davon, ob er gut oder schlecht war, bereut oder nicht bereut hat und an Jesus als Retter geglaubt hat oder nicht. Diese deterministische Richtung besagt, dass am Ende alle Seelen (ob menschlicher, engelhafter oder dämonischer Natur) aufgrund der Gnade Gottes errettet werden und dass die Antwort des Einzelnen gegenüber Gott keine Rolle spielt. Diese Auffassung ist anscheinend unter dem christlichen Leiter Origenes im zweiten Jahrhundert entwickelt worden und hat seitdem verschiedene Ableitungen hervorgebracht, die von ihren Anhängern vertreten werden. Einige (wenn auch nicht alle) Lehrmeinungen des Universalismus erkennen Jesus als Erlöser nicht an und betrachten die Reaktion des Menschen gegenüber Gottes freigiebigem Geschenk als irrelevant. Die Vorstellung, dass jemand die Gnade ablehnen kann und den Erlöser zurückweist und doch die Erlösung erlangt, ist für die meisten Christen völlig widersinnig. Wir (GCI/WKG) betrachten die Ansichten des Universalismus als unbiblisch.

Was glaubt die GCI/WKG?

Wie bei allen doktrinären Themen, mit denen wir uns befassen, sind wir zu allererst der Wahrheit verpflichtet, die in der Heiligen Schrift offenbart wurde. Darin finden wir die Aussage, dass Gott die gesamte Menschheit in Christus mit sich versöhnt hat (2. Kor 5,19). Jesus lebte als Mensch mit uns, starb für uns, ist auferstanden und zum Himmel aufgefahren. Das Werk der Versöhnung vollendete Jesus, als er unmittelbar vor seinem Tode am Kreuz sprach: „Es ist vollbracht!“ Aufgrund der biblischen Offenbarung wissen wir, dass was immer mit den Menschen am Ende geschieht, es nicht an Gottes Motivation, Sinn und Absicht fehlen wird. Unser dreieiniger Gott hat wirklich alles getan, um jede Person vor dem schrecklichen und entsetzlichen Zustand, der als „Hölle“ bezeichnet wird, zu erretten. Der Vater gab seinen eingeborenen Sohn stellvertretend für uns hin, der seitdem als Hohepriester für uns eintritt. Der Heilige Geist arbeitet jetzt, um alle Menschen zu ziehen, damit sie Anteil an den Segnungen, die in Christus für sie bereitgehalten werden, erhalten mögen. Das ist, was wir wissen und glauben. Aber es gibt vieles, was wir nicht wissen und wir müssen vorsichtig sein, nicht Schlussfolgerungen (logische Implikationen) zu ziehen, über Dinge, die über das hinausgehen, was uns an sicherem Wissen gegeben ist.

Beispielsweise dürfen wir Gottes Gnade nicht überbeanspruchen, indem wir dogmatisch die universalistische Ansicht verbreiten, dass Gott bei der Errettung aller Menschen, die Wahlfreiheit derjenigen verletzen wird, die willentlich und entschlossen seine Liebe zurückweisen, wodurch sie sich von ihm abwenden und seinen Geist ausschlagen. Man mag es kaum glauben, dass sich jemand so entscheidet, doch wenn wir die Schrift aufrichtig lesen (mit ihren zahlreichen Warnungen, sich dem Wort und dem Heiligen Geist nicht zu widersetzen), müssen wir anerkennen, dass es möglich ist, dass einige schliesslich doch Gott und seine Liebe ablehnen. Dabei ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass eine solche Ablehnung aufgrund ihrer eigenen Entscheidung getroffen wird – und nicht einfach deren Schicksal ist. C.S. Lewis hat es in scharfsinniger Weise so ausgedrückt: „Die Tore der Hölle sind von innen verschlossen“. Mit anderen Worten, die Hölle ist da, wo man der Liebe und Gnade Gottes ewig widerstehen muss. Obwohl wir nicht sicher sagen können, dass alle Menschen schliesslich Gottes Gnade annehmen werden, so können wir doch hoffen, dass es der Fall sein wird. Diese Hoffnung ist eins mit Gottes Wunsch, dass niemand verloren gehe, sondern dass alle zur Reue kommen. Gewiss können und sollten wir nicht weniger erhoffen und sollten mit dem Heiligen Geist dazu beitragen, dass durch ihn Menschen zur Reue geführt werden.

Gottes Liebe und Gottes Zorn stehen sich nicht symmetrisch gegenüber: Mit anderen Worten, Gott widersteht allem, was seinem guten und liebevollen Zweck entgegensteht. Gott wäre kein liebender Gott, wenn er es nicht genauso täte. Gott hasst die Sünde, weil sie sich seiner Liebe und seinem guten Ziel für die Menschheit widersetzt. Sein Zorn ist deshalb ein Aspekt der Liebe – Gott widersteht unserem Widerstand. In seiner Gnade, von Liebe motiviert, vergibt uns Gott nicht nur, sondern diszipliniert und verändert uns auch. Wir dürfen Gottes Gnade nicht für begrenzt halten. Ja, es gibt eine reale Möglichkeit, dass einige sich dazu entschliessen werden, ewig der liebevollen und vergebenden Gnade Gottes zu widerstehen, aber das wird nicht geschehen, weil Gott es sich anders mit ihnen überlegt hat – sein Sinn ist in Jesus Christus deutlich gemacht.

Durch die Brille Jesu sehen

Weil die Erlösung, die persönlich und relational bedingt ist, Gott und Personen in Beziehung zueinander betrifft, dürfen wir bei Überlegungen über Gottes Gericht nicht davon ausgehen oder uns Grenzen auferlegen, was Gottes Wunsch nach Beziehungen anbelangt. Der Zweck des Gerichtes ist immer die Errettung – es geht um Beziehungen. Durch das Gericht trennt Gott, was entfernt (verdammt) werden muss, damit eine Person die Beziehung (Einheit und Gemeinschaft) mit ihm erfahren kann. Daher glauben wir, dass Gott Gericht hält, damit die Sünde und das Böse verdammt, aber der Sünder errettet und versöhnt ist. Er trennt uns von der Sünde, damit sie „so fern“ sei, „wie der Morgen vom Abend ist“. Wie den Sündenbock zur Zeit des alten Israels, sendet Gott unsere Sünde hinaus in die Wildnis, damit wir ein neues Leben in Christus haben mögen.

Gottes Gericht heiligt, verbrennt und reinigt in Christus, um die Person, die gerichtet wird, zu retten. Gottes Gericht ist somit ein Prozess des Aussortierens und Siebens – eine Trennung von Dingen, die richtig oder falsch sind, die gegen oder für uns sind, die zum Leben führen oder nicht. Um sowohl das Wesen der Errettung als auch des Gerichtes zu verstehen, müssen wir die Schrift lesen, nicht durch die Brille eigener Erfahrungen, sondern durch die Brille der Person und des Wirkens Jesu, unserem heiligen Erlöser und Richter. Mit diesem im Sinn, bedenken Sie folgende Fragen und deren offensichtliche Antworten:

  • Ist Gott begrenzt in seiner Gnade? NEIN!
  • Ist Gott durch Zeit und Raum eingeschränkt? NEIN!
  • Kann Gott nur im Rahmen der Naturgesetze handeln, wie wir Menschen? NEIN!
  • Ist Gott durch unseren Mangel an Wissen begrenzt? NEIN!
  • Ist er der Herr der Zeit? JA!
  • Kann er in unsere Zeit so viele Gelegenheiten einfügen, wie er möchte, damit wir uns der Gnade durch seinen Heiligen Geist öffnen? SICHERLICH!

Im Wissen, dass wir begrenzt sind, Gott jedoch nicht, dürfen wir unsere Begrenzungen nicht auf den Vater projizieren, der unsere Herzen genau und vollständig kennt. Wir können auf seine Treue bauen, selbst wenn wir keine endgültige Theorie darüber haben, wie sich seine Treue und seine Gnade im Einzelnen im Leben jeder Person darstellt, sowohl in diesem, als auch im nächsten Leben. Was wir sicher wissen, ist: Am Ende wird niemand sagen: „Gott, wenn du nur ein bisschen gnädiger gewesen wärst ...hättest du die Person X noch retten können“. Wir werden alle feststellen, dass Gottes Gnade mehr als ausreichend vorhanden ist.

Die gute Nachricht besteht darin, dass das freie Geschenk der Erlösung der gesamten Menschheit vollständig davon abhängt, dass Jesus uns annimmt – nicht davon, dass wir ihn annehmen. Weil „alle, die den Namen des Herrn anrufen, gerettet werden“ gibt es keinen Grund für uns, sein Geschenk des ewigen Lebens nicht zu erhalten und nach seinem Wort und im Geist zu leben, den uns der Vater sendet, so dass wir heute vollen Anteil am Leben Christi haben mögen. Daher gibt es für Christen allen Grund, das gute Werk der Evangelisation zu unterstützen – uns aktiv am Werk des Heiligen Geistes zu beteiligen, das darin besteht, Menschen zur Reue und zum Glauben zu führen. Wie wunderbar zu wissen, dass Jesus uns sowohl annimmt als auch qualifiziert.       

von Joseph Tkach


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