Das Reich Gottes (Teil 5)

Das letzte Mal haben wir uns damit auseinandergesetzt, wie die komplexe Wahrheit und Wirklichkeit des bereits bestehenden, jedoch noch nicht vollendeten Reiches Gottes, einige Christen irrigerweise in den Triumphalismus, andere hingegen in den Quietismus gefĂŒhrt haben. In diesem Artikel gehen wir einem anderen Ansatz nach, im Glauben auf diese komplexe Wahrheit einzugehen.

Teilhabe an Jesu fortdauerndem Wirken im Dienste des Reiches Gottes

Anstatt dem Triumphalismus (jenem Aktivismus, der zum Ziel hat, das Reich Gottes herbeizufĂŒhren) anzuhangen oder dem Quietismus (jener PassivitĂ€t, die fĂŒr ein Heraushalten steht, alles Gott zu ĂŒberlassen), sind wir alle dazu aufgerufen, ein hoffnungsfrohes Leben zu fĂŒhren, das den wahren Zeichen des kĂŒnftigen Reiches Gottes, Gestalt verleiht. NatĂŒrlich kommt diesen Zeichen lediglich eine begrenzte Bedeutung zu – weder schaffen sie das Reich Gottes, noch lassen sie es gegenwĂ€rtig und wahr werden. Sie verweisen jedoch ĂŒber sich selbst hinaus auf das Kommende. Sie bewirken im Hier und Jetzt etwas, wenn sie auch nicht alles zu beeinflussen vermögen. Sie machen eben einen relativen und keinen entscheidenden Unterschied aus. Dies steht im Einklang mit Gottes Ansinnen, was die Kirche in dieser gegenwĂ€rtigen, bösen Weltzeit anbelangt. Manche, die eher der triumphalistischen oder quietistischen Denkweise anhangen, werden dem widersprechen und ausfĂŒhren, es sei kaum oder gar nicht der Rede wert, auf Zeichen zu setzen, welche lediglich auf das kĂŒnftige Reich Gottes verweisen. Ihrer Ansicht nach, lohnen sie es nicht, wenn sie nicht einen nachhaltigen Wandel hervorzubringen vermögen – wenn sie die Welt nicht verbessern oder zumindest andere zum Glauben an Gott bringen können. Was aber diese EinwĂ€nde nicht berĂŒcksichtigen, ist der Umstand, dass die angedeuteten, vorlĂ€ufigen und zeitlich begrenzten Zeichen, die Christen im Hier und Jetzt setzen können, nicht losgelöst vom kĂŒnftigen Reich Gottes zu betrachten sind. Warum nicht? Weil christliches Handeln Teilhabe am bestĂ€ndigen Wirken Jesu, kraft des Heiligen Geistes, bedeutet. Durch den Heiligen Geist vermögen wir uns dem König in seinem Walten im Hier und Jetzt auch in dieser gegenwĂ€rtigen, bösen Weltzeit anzuschliessen – einer Zeit, die ĂŒberwunden werden wird. Der Herr des kĂŒnftigen Reiches Gottes kann in das gegenwĂ€rtige Zeitalter eingreifen und sich die angedeuteten, vorlĂ€ufigen und zeitlich begrenzten Zeugnisse der Kirche nutzbar machen. Diese bewirken im Hier und Jetzt einen relativen, aber spĂŒrbaren Unterschied, wenn sie auch nicht den alles entscheidenden Wandel herbeifĂŒhren, der mit der Vollendung des Reiches Gottes einhergeht.

Das Licht des kĂŒnftigen Reiches Gottes erreicht uns und leuchtet uns auf unserem Weg in dieser dunklen Welt. So wie das Sternenlicht die Dunkelheit der Nacht erhellt, verweisen die in Wort und Tat prĂ€senten Zeichen der Kirche, auf das kĂŒnftige Reich Gottes im vollen mittĂ€glichen Sonnenlicht. Diese winzigen Lichtpunkte bewirken etwas, wenn auch nur in Andeutung, einstweilig und zeitlich begrenzt. Durch das gnĂ€dige Wirken des AllmĂ€chtigen werden wir zu Werkzeugen mit unseren Zeichen und Zeugnissen, gefĂŒhrt im Handeln von Gottes Wort und Heiligem Geist. Auf diese Weise können wir Menschen berĂŒhren und sie mit Christus in Richtung seines kĂŒnftigen Reiches begleiten. Gott ist selbst im Hier und Jetzt am Wirken, bevor das Reich seine Vollendung erreicht. Wir sind Botschafter an Christi statt; denn Gott ermahnt durch uns (2. Kor 5,20). Durch das Predigtwort, wie es vom Heiligen Geist nutzbar gemacht wird, ermöglicht es Gott den Menschen durch ihren Glauben bereits jetzt im Geiste, als BĂŒrger des kĂŒnftigen Reiches Gottes, diesem Reich teilhaftig zu werden (Röm 1,16). Jeder schlichte Becher Wasser, der in Christi Namen dargereicht wird, bleibt nicht unbelohnt (Mt 10,42). Deshalb sollten wir die Zeichen oder Zeugnisse der GlĂ€ubigen von Gottes Kirche nicht als flĂŒchtige, reine Symbole oder Gesten abtun, welche auf etwas nicht GegenwĂ€rtiges, noch nicht Reales verweisen. Christus fĂŒgt unser Zeichen setzendes Wirken dem Seinen zu und macht sich unser Zeugnis zunutze, um Menschen in eine persönliche Beziehung mit sich zu ziehen. So spĂŒren sie die Gegenwart seiner liebenden Herrschaft und erleben Freude, Frieden und Hoffnung durch seine gerechte, von Liebe erfĂŒllte Regentschaft. Es ist klar diese Zeichen offenbaren nicht die ganze Wahrheit dessen, was die Zukunft fĂŒr uns bereithĂ€lt, sondern verweisen lediglich darauf. Sie deuten – sowohl in die Vergangenheit und sind auch in die Zukunft gerichtet – So stellen Christus hin, der in seinem Leben und Wirken auf Erden zum Erlöser und König ĂŒber die ganze Schöpfung wurde.Diese Zeichen sind nicht blosse Gedanken, Worte, Vorstellungen oder individuelle, ureigene geistliche Erfahrungen. Die christlichen Glaubenszeichen legen ĂŒber Zeit und Raum, in Fleisch und Blut Zeugnis darĂŒber ab, wer Jesus ist und wie sein kĂŒnftiges Reich aussehen wird. Sie erfordern Zeit und Geld, MĂŒhe und Geschick, Überlegung und Planung, sowie individuelle und gemeinschaftliche Koordination. Der AllmĂ€chtige kann sie sich durch seinen Heiligen Geist zunutze machen und tut dies auch, damit sie den, ihnen zukommenden Zweck, erfĂŒllen: eine HinfĂŒhrung zu Gott in Christus. Eine derartige HinfĂŒhrung trĂ€gt FrĂŒchte in Gestalt eines Wandels, der in Busse (Umkehr bzw. Änderung des Lebens) und Glauben, sowie in einem Leben voller Hoffnung auf das kĂŒnftige Reich Gottes zum Tragen kommt.

So stellen wir also unsere Zeit, Energie, Mittel, Talente und Freizeit unserem Herrn zur Nutzung zur VerfĂŒgung. Die Not der BedĂŒrftigen in unserer gegenwĂ€rtigen Welt bekĂ€mpfen wir. Wir greifen mit unserem Handeln und unserem tĂ€tigen Engagement, das wir mit Gleichgesinnten innerhalb und ausserhalb unserer Kirchgemeinden teilen, helfend ein. Die Ausgestaltung der weltlichen Belange vollzieht sich auch im Zusammenwirken mit jenen, die diesen Gemeinden (noch) nicht angehören. Unser Glaubenszeugnis, das wir im Hinblick So stellen ablegen, kann persönlich und mit Worten erfolgen, aber es sollte auch öffentlich und gemeinschaftlich in die Tat umgesetzt werden. Dabei sollten wir uns alle Mittel, die uns zur VerfĂŒgung stehen, zunutze machen. Mit allem, was wir haben, tun und sagen, senden wir dieselbe Botschaft auf allen uns zugĂ€nglichen Wegen aus, die verkĂŒndet, wer Gott in Christus ist und dass seine Herrschaft fĂŒr alle Zeit gewiss sein wird. Wir leben im Hier und Jetzt, selbst in der sĂŒndigen Welt, in Gemeinschaft mit Christus und in der Hoffnung auf die vollkommene Vollendung seiner Herrschaft. Wir leben erfĂŒllt von der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde in der kĂŒnftigen Weltzeit. Wir leben in dieser Zeit im Wissen so, dass diese Welt vergeht – denn dank Jesu Christi Wort und seinem Eingreifen verhĂ€lt es sich wirklich so. Wir leben in der Gewissheit, das Reich Gottes in der Vollendung rĂŒcke heran – denn genau so ist es!

Somit ist unser Zeugnis, das wir als Christen ablegen, so unvollkommen, notdĂŒrftig und zeitlich begrenzt es auch sein mag, wahrhaftig in dem Sinne, dass es unsere gegenwĂ€rtige Situation und alle unsere Beziehungen beeinflusst, auch wenn es selbst das kĂŒnftige Reich Gottes, das im Hier und Jetzt noch nicht vollkommen ist, nicht in seiner ganzen RealitĂ€t widerspiegelt. Es ist wahrhaftig in dem Sinne, dass wir dank der Gnade Gottes gleichsam senfkornartig daran teilhaben, was der AllmĂ€chtige durch den Heiligen Geist gegenwĂ€rtig tut, um die Menschen auf Jesus Christus und sein kĂŒnftiges Reich hinzuweisen. Wir können heute nach dem Willen Gottes sowohl im persönlichen, wie auch gesellschaftlichen Rahmen unserer LebensfĂŒhrung, einiger der Segnungen von Christi Herrschaft und seines Reiches, teilhaftig sein.

Das Wahrhaftige offenbart

Um dies noch ein wenig zu verdeutlichen, sei darauf verwiesen, dass wir mit unserem Handeln der Wirklichkeit der Herrschaft Christi, weder den Boden bereiten, noch sie rechtfertigen. Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist haben das bereits vollbracht. Das kĂŒnftige Reich Gottes ist wahrhaftig und bereits Wirklichkeit geworden. Seine Wiederkehr ist uns zugesichert. Wir können darauf zĂ€hlen. Diese Tatsache hĂ€ngt nicht von uns ab. Es ist dies ein Werk Gottes. Was also vollbringen wirmit unserem Zeugnis, den von uns Gestalt gegebenen Zeichen, wenn damit das Reich Gottes weder verwirklicht wird, noch zunehmend an RealitĂ€t gewinnt? Die Antwort lautet, unsere Zeichen, die wir setzen, offenbaren bruchstĂŒckhaft das kommende Reich Gottes. Unsere gegenwĂ€rtige Aufgabe – unser Privileg – besteht darin, in Wort undTat Zeugen der Wirklichkeit von GottesReich zu sein.

Was wird dann das Ende, die Wiederkunft Christi, bewirken? Seine Wiederkunft verleiht dem Reich Gottes nicht letztendliche RealitĂ€t, so, als berge es bis dahin lediglich das dafĂŒr notwendige Potential. Es ist schon heute vollkommene RealitĂ€t. Jesus Christus ist bereits jetzt Herr, unser Erlöser und König. Er herrscht. Aber das Reich Gottes ist gegenwĂ€rtig noch verborgen. Die volle Tragweite seiner Herrschaft kommt in der gegenwĂ€rtigen, bösen Weltzeit nicht in ihrer ganzen FĂŒlle zum Tragen und zum Vorschein. Wenn Christus wiederkehrt, wird das Reich Gottes in Vollkommenheit, mit all seinen Auswirkungen offenbar werden. Seine Wiederkunft bzw. sein Wiedererscheinen (seine Parusie) wird mit einer Offenbarung bzw. EnthĂŒllung(einer Apokalypse) der Wahrheit und Wirklichkeit dessen einhergehen, wer er ist und was er vollbracht hat.Zu jener Zeit wird die tatsĂ€chliche Wahrheit, wer Christus ist und was er fĂŒr uns, um unserer Erlösung willen getan hat, allen offenbart werden. Es wird schlussendlich enthĂŒllt werden, was die Person und das Wirken Jesu Christi ausmachte. Die Herrlichkeit all dessen, wird allerorts aufleuchten und damit seine volle Wirkung entfalten. Die Zeit des lediglich andeutungsweisen, vorlĂ€ufigen und zeitlich begrenzten Bezeugens wird dann zu Ende sein. Das Reich Gottes wird nicht mehr verborgen bleiben. Wir werden in den neuen Himmel und die neue Erde eintreten. Es bedarf keines Zeugnisses mehr; denn wir alle werden der Wirklichkeit selbst ins Auge blicken. Das alles wird bei der Wiederkunft Christi geschehen.

Im Leben eines Christen geht es also nicht darum, dem Potential des Reiches Gottes Wirkung zu verschaffen. Es ist nicht unsere Aufgabe, die zwischen der RealitĂ€t der sĂŒndigen Welt und dem Ideal von Gottes Reich auf Erden bestehende Kluft zu schliessen. Nicht durch unser BemĂŒhen des AllmĂ€chtigen beseitigt er die RealitĂ€t der zerrĂŒtteten, sich ihm widersetzenden Schöpfung und ersetzt sie durch das Ideal der neuen Welt. Nein, es ist vielmehr so, dass Jesus der König aller Könige und Herr aller Herren ist und sein Reich – wenngleich noch verborgen – wirklich und wahrhaftig besteht. Die gegenwĂ€rtige, böse Weltzeit wird vergehen. Wir leben jetzt gleichsam in einer IrrealitĂ€t, in einer korrupten, verzerrten, verfĂ€lschten Erscheinungsform von Gottes wohlgeratener Schöpfung, die Christus wiedergewonnen hat, indem er sie, siegreich ĂŒber die MĂ€chte des Bösen, wieder auf die rechte Bahn brachte. So kann sie ihrer ursprĂŒnglichen Bestimmung, Gottes schlussendlichen Plan zu verwirklichen, gerecht werden. Dank Christus wird die ganze Schöpfung aus ihrer Knechtschaft befreit und ihr Seufzen hat ein Ende (Röm 8,22). Christus macht alles neu. Das ist die alles entscheidende RealitĂ€t. Aber diese RealitĂ€t soll erst noch vollkommen offenbar werden. Wir können schon jetzt, beflĂŒgelt vom Heiligen Geist Gottes, andeutungsweise, vorlĂ€ufig und zeitlich begrenzt, in allen Lebensbereichen, im Hinblick auf jene kĂŒnftige RealitĂ€t, Zeugnis ablegen.Und dabei bezeugen wir keine blosse Möglichkeit und schon gar keine, die wir verwirklichen, sondern Christus und sein Königtum, das dereinst inVollkommenheit offenbar werden wird. Dieser RealitĂ€t gilt unsere berechtigte Hoffnung – eine, in der wir heute, so wie alle Tage leben.

Das bĂŒrgerliche und das politische UmfeldWas bedeutet dies nun auf bĂŒrgerlicher und politischer Ebene fĂŒr Christen, die Christi Herrschaft anerkennen und in der Hoffnung auf das kommende Reich Gottes leben? Die biblische Offenbarung stĂŒtzt nicht den Gedanken einer christlichen „Übernahme“ einer politischen Partei, Nation oder Institution ausserhalb der Gottesdienstgemeinde. Aber sie ruft auch nicht zur Nichteinmischung auf – was im Begriff „Separatismus“ zum Ausdruck kommt. Christus predigte, wir mögen nicht losgelöst von dieser sĂŒndigen und verderbten Welt leben (Joh 17,15). Den Israeliten war aufgetragen, als sie in einem fremden Land im Exil lebten,sich um das Wohl der StĂ€dte, die sie bewohnten, zu bemĂŒhen (Jer 29,7). Daniel diente Gott inmitten einer heidnischen Kultur und brachte sich in sie ein, wĂ€hrend er gleichzeitig, dem Gott Israels, glaubenstreu ergeben war. Paulus ermahnt uns, fĂŒr die Obrigkeit zu beten und menschliche MachtausĂŒbung zu respektieren, die das Gute fördert und das Böse verhindert. Er weist uns an, uns auch unter den noch nicht an den wahren Gott Glaubenden unseren guten Leumund zu bewahren. Diese mahnenden Worte implizieren Kontakte sowie Interesse bis hin zurÜbernahme von Verantwortung als StaatsbĂŒrger und im institutionellen Rahmen – und nicht vollkommene Abkapselung.

Die biblische Lehre verweist darauf, dass wir BĂŒrger dieser Weltzeit sind. Aber gleichzeitig verkĂŒndet sie, dass wir, was noch wichtiger ist, BĂŒrger von Gottes Reich sind. So bekundet Paulus in seinen Briefen: „So seid ihr nun nicht mehr GĂ€ste und Fremdlinge, sondern MitbĂŒrger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Eph 2,191) und spricht: „Unser BĂŒrgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus“ (Phil 3,20). Christen haben ein neues BĂŒrgerrecht, das unbestritten Vorrang vor allem Weltlichen hat. Aber es löscht unser altes BĂŒrgerrecht nicht aus. WĂ€hrend seiner Inhaftierung verleugnete Paulus sein römisches BĂŒrgerrecht nicht, sondern machte es sich zunutze, um seine Freilassung zu erwirken. Als Christen sehen wir unser altes BĂŒrgerrecht – der Herrschaft Christi unterworfen – radikal in seiner Bedeutung relativiert. Auch hier stossen wir wieder auf einen komplexen Sachverhalt, der uns zu einer vorschnellen Lösung oder einer Simplifizierung der Problematik hinreissen könnte. Aber Glaube, Hoffnung und Liebe leiten uns, die KomplexitĂ€t um unseres Bezeugens, des Reiches und der Herrschaft Christi willen, auszuhalten.

Doppeltes BĂŒrgerrecht

Im Anschluss an Karl Barths Zusammenschau der biblischen Lehre und eingedenk der Kirchenlehre im Wandel der Zeit, hat es den Anschein, dass diejenigen, die Christus und seinem Reich in dieser gegenwĂ€rtigen Weltzeit zugehörig sind, gleichzeitig zwei sehr unterschiedlichen Gemeinden angehören. Wir haben ein doppeltes BĂŒrgerrecht. Dieser komplexe Sachverhalt scheint unvermeidlich zu sein, weil er mit der Wahrheit einhergeht, dass es zwei Weltzeiten gibt, die einander ĂŒberlagern, letztlich aber lediglich eine, nĂ€mlich die kĂŒnftige, vorherrschen wird. Jedes unserer BĂŒrgerrechte bringt unabdingbare Pflichten mit sich, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese durchaus im Widerstreit miteinander stehen können. Es ist insbesondere nicht garantiert, dass im Hinblick auf die Verpflichtung gegenĂŒber beiden, nicht ein gewisser Preis zu zahlen ist. So weist Jesus seine JĂŒnger daraufhin: „Ihr aber seht euch vor! Denn sie werden euch den Gerichten ĂŒberantworten, und in den Synagogen werdet ihr gegeisselt werden, und vor Statthalter und Könige werdet ihr gefĂŒhrt werden um meinetwillen, ihnen zum Zeugnis“ (Mk 13,9). Ähnliche Situationen, die widerspiegeln, was Jesus selbst zustiess, werden in der ganzen Apostelgeschichte nachgezeichnet. Zwischen beiden BĂŒrgerrechten kann es also zu Konflikten kommen, die schwerlich, wenn ĂŒberhaupt in dieser gegenwĂ€rtigen Weltzeit ganz zu lösen sind.

Die doppelten Pflichten mit dem einen wahren Zentrum verknĂŒpfen

Es ist wichtig zu erkennen, wie diese beiden Pflichtenkomplexe angemessen zueinander in Beziehung zu setzen sind. Dabei ist es meist nicht hilfreich, sie als konkurrierend zu betrachten, auch wenn sie bisweilen in Konflikt miteinander geraten. Es ist auch nicht hilfreich, sie hierarchisch geordnet zu sehen, wobei es dann stets einen prioritĂ€ren Schwerpunkt und dann folgende Gewichtungen gibt, was dazu fĂŒhrt, dass eine zweite oder dritte Handlung oder Entscheidung erst dann zum Zuge kommt, nachdem die PrioritĂ€ten die volle Aufmerksamkeit erfahren haben. In diesem Fall lĂ€uft es darauf hinaus, dass viele, wenn nicht die meisten, fĂŒr zweitrangig erklĂ€rten Pflichten, letztlich vernachlĂ€ssigt und stiefmĂŒtterlich behandelt werden.

Es ist zudem nicht sinnvoll, eine leicht abgewandelte hierarchisch geordnete Vorgehensweise zu wĂ€hlen, nach der Zweitrangiges, gleichsam losgelöst von den PrioritĂ€ten, erledigt wird. GemĂ€ss dieses Systems achten wir darauf, uns der vorrangigen Pflichten innerhalb der Kirchgemeinde anzunehmen, um dann auch den zweitrangigen innerhalb der BĂŒrgergemeinde gerecht zu werden, so als seien diese relativ unabhĂ€ngig und folgten eigenen Normen oder Standards, Zwecken oder Zielsetzungen, die bestimmen, wie Verantwortung innerhalb des ausserkirchlichen Bereiches aussieht. Ein solcher Ansatz fĂŒhrt zu einer Untergliederung, die dem Umstand nicht gerecht wird, dass das Reich Gottes schon in diese Weltzeit Einzug gehalten hat und wir somit gleichsam ĂŒberschneidend zwischen den Zeiten leben. Die Wahrnehmung der prioritĂ€ren Pflichten kirchlichen Bezeugens wirkt sich stets prĂ€gend darauf aus, wie wir an die zweitrangigen, unseres weltlichen Gemeinwesens herangehen. Die beiden Pflichtenkomplexe ĂŒberschneiden einander, wobei unsere Hoffnung auf das kĂŒnftige Reich Gottes und unser Bezeugen, all unser Tun – sei dieses nun prioritĂ€r - Das Reich Gottes wird nicht mehr verborgen bleibenr er oder sekundĂ€rer Natur – prĂ€gt. Angesichts der Herrschaft Christi sowie der Einheit der Bestimmung, die Gott der ganzen Schöpfung zuschreibt, und der Vollendung aller Dinge unter Christus als König aller Könige und Herr aller Herren steht des AllmĂ€chtigen Bestimmungszuweisung im Mittelpunkt aller RealitĂ€t – im Mittelpunkt beider Gemeinden, denen wir angehören.2 Alles menschliche Handeln sollte im Dienste dieses zentralen Punktesgeplant, strukturiert und angelegt sein, ja ihm ĂŒberhaupt gelten. BetrachtenSie den dreieinigen Gott im Fokus einer Reihe von Kreisen stehend, die alle dasselbe Zentrum teilen. Jesus Christus mit seinem kĂŒnftigen Reich ist dieses Zentrum. Die Kirche, die Christus zugehörig ist, kennt und verehrt ihn allein und steht im Innersten des den Mittelpunkt umgebenden Kreises. Die Kirche kennt diesen Mittelpunkt. Sie weiss um die Charakteristika des kĂŒnftigen Reiches. Ihre Hoffnung ist auf sicheren Boden gegrĂŒndet, und sie hat eine rechte Vorstellung vom Wesender Liebe, von der Gerechtigkeit bis hin zu echter Gemeinschaft der Menschen in Christus. Ihr Dienst besteht darin, diesen Mittelpunkt offenbar werden zu lassen und andere aufzurufen, in diesen zentralen Kreis einzutreten, weil er die Quelle ihres Lebens und ihrer Hoffnung darstellt. Alle sollten beiden Gemeinden zugehörig sein! Der Mittelpunkt ihrer Existenz ist zugleich auch Mittelpunkt der kirchlichen Existenz, auch wenn ihre Treuepflicht einzig und vor allem der BĂŒrgergemeinde im weiteren Sinne gilt. Gott in Christus ist, seiner Bestimmung gemĂ€ss, Mittelpunkt aller Schöpfung und damit beider Gemeinden. Jesus Christus ist Herr und Erlöser aller Schöpfung – aller Macht und Befehlsgewalt, ob es ihr bewusst ist oder auch nicht.

Die BĂŒrgergemeinde ausserhalb der Kirche kann als umgebender Kreis gedacht werden, der sich im grösseren Abstand zum inneren Kreis der Kirchengemeinde befindet. Weder weiss sie um den Mittelpunkt, noch erkennt sie ihn an, und ihr von Gott erteilter Auftrag besteht auch nicht darin, ihn offenbar werden zu lassen. Ihre Bestimmung besteht nicht darin, die Rolle der Kirchengemeinde einzunehmen oder sie zu ersetzen (wie es im Nazi-Deutschland versucht und von den FĂŒhrern der deutschen Staatskirche gebilligt wurde). DieKirche soll aber auch nicht gleichsam als grössere Gemeinde ihre Funktionen ĂŒbernehmen. Aber die, im umgebenden Kreis angesiedelte BĂŒrgergemeinde, teilt mit ihr denselben Mittelpunkt, und ihr Schicksal ist gĂ€nzlich an Jesus gebunden, der Herr ist ĂŒber alle Zeit und allen Raum, ĂŒber die ganze Geschichte und alle Befehlsgewalt. Die BĂŒrgergemeinde, wie wir sie kennen, ist nicht unabhĂ€ngig vom gemeinsamen Mittelpunkt, derselben lebendigen RealitĂ€t, die die Kirche anerkennt und der ihre ultimative Treuepflicht gilt.Es obliegt somit der Kirche, mit den ihr angehörenden, einzelnen Mitgliedern, die in beiden Kreisen leben, den umfassenderen, grösseren Kreis bestĂ€ndig auf die zentrale RealitĂ€t Jesu und seine kĂŒnftige Herrschaft hinzuweisen und daran zu erinnern. Und sie wird dieser Aufgabe gerecht, indem sie danach trachtet, innerhalb jener weitergefassten Gemeinde Handlungsschemata, Seinsformen und Möglichkeiten des gemeinsamen Umgangs Gestalt zu verleihen, die – wenngleich auf indirektem Wege – auf jene gemeinsame, zentrale RealitĂ€t verweisen. Diese Widerspiegelungen der LebensfĂŒhrung, die im weitergefassten Pflichtenkreis zum Tragen kommen, werden im kirchlichen Gebaren ihren Nachklang finden bzw. ihm entsprechen. Aber sie werden sie lediglich indirekt, undeutlich, wahrscheinlich noch nicht schlĂŒssig und nicht ohne Mehrdeutigkeit zum Ausdruck bringen können. Das ist jedoch zu erwarten. Die weitergefasste Gemeinde ist nicht die Kirche und soll diese auch gar nicht sein. Aber sie soll bestĂ€ndig von ihr profitieren, da deren Mitglieder danach trachten, auch ihr gegenĂŒber, ebenso wie gegenĂŒber dem Herrn, verantwortlich zu sein.

Vergleichbare Zeichen der Bewahrung und des Schutzes

Dass wir uns in dieser gegenwĂ€rtigen, bösen Weltzeit bewegen, wird insbesondere jenen in diesem weitergefassten Bereich bĂŒrgerlichen Seins deutlich, die ihre Hoffnung auf die kĂŒnftige Weltzeit setzen und das lebendige Zentrum kennen und anbeten. Die theologischen Grundfesten und geistlichen Quellen der offenen Gemeinschaft mit Gott, werden, dank Jesu Christi durch jene bĂŒrgerlichen AktivitĂ€ten, die im Dienste der umgebenden Gemeinde vollzogen werden, weder offenbar noch bereitwillig nutzbar gemacht. Aber die Praktiken, MassstĂ€be, Prinzipien, Regeln, Gesetze, Seins und Umgangsformen in jenem weitergefassten Bereich können mehr oder weniger mit dem Leben, das Gott fĂŒr uns in Christus bereithĂ€lt, in Einklang gebracht bzw. gleichsam mit ihm gepaart werden. Der christliche Einfluss wird darauf ausgelegt sein, den weitergefassten Verantwortungsbereich auf kluge Weise einzubinden und so in jedem sich bietenden Augenblick so weit wie möglich die Organisationsmuster, VerhaltensgrundsĂ€tze und - Praktiken umzusetzen suchen, die am besten mit Gottes Zielsetzungen und Wegen vereinbar sind – Wegen, die eines Tages der ganzen Welt offenbar werden. Wir können sagen, dass die Kirche, der weitergefassten Gemeinde, als eine Art Gewissen dient. Sie trachtet danach, die sie umgebende Gemeinde davon abzuhalten, noch weiter von Gottes, der Menschheit zugedachten Bestimmung und seinem Plan, abzufallen. Und sie kommt dem nicht nur durch ihre VerkĂŒndigung nach, sondern durch persönliches Mitwirken, das zweifelsohne nicht ohne einen Preis dafĂŒr zu bezahlen, zu haben ist. Mit Wort und Tat dient sie gleichsam als Schutz undBewahrer, auch wenn ihre Weisheit, ihre Warnungen und ihr Engagement gelegentlich nicht beachtet oder zurĂŒckgewiesen werden.

Indirekte Zeichender Hoffnung einfliessen lassen

Die Mitglieder der Kirche können ihr kulturelles Umfeld – gleichsam als eine Art Triebmittel oder als leuchtendes Beispiel – auch mit materiellen Sozialleistungen, sowie durch eingebrachte Organisations- und Produktionsstrukturen bereichern, die sich aus dem Evangelium Christi speisen. Aber ein derartiges Zeugnis wird nur als indirekter Verweis dienen können, der das direkte, geistliche Wirken und die Botschaft der Kirche, Gott in Christus, sowie die Gegenwart und das Kommen seines Reiches betreffend, lediglich unterstĂŒtzend begleiten kann. Diese gestalterisch eingreifenden BemĂŒhungen, die als indirekte Zeichen dienen, sollten das Leben der Kirche bzw. ihre zentrale Botschaft und ihr Wirken nicht ersetzen. Jesus, Gott oder auch die Heilige Schrift werden wahrscheinlich garnicht erwĂ€hnt werden. Die diese AktivitĂ€ten speisende Quelle wird kaum je (wenn ĂŒberhaupt) genannt werden, obwohl dem Handeln bzw. dem Vollbrachten die Aura Christi anhaftet. Derartigen, indirekten Zeugnissen sind Grenzen gesetzt. Sie werden wahrscheinlich schon vieldeutiger sein, verglichen mit den direkten Bezeugungen und dem Wirken der Kirche. Die Ergebnisse werden wohl unstimmiger ausfallen als die des grundlegenden, kirchlichen Wortes und Zeugnisses. Manchmal werden die von Christen vorgebrachten, das Gemeinwohl betreffenden VorschlĂ€ge vonseiten der öffentlichen bzw. privaten Machtorgane, EinflusssphĂ€ren und Instanzen nicht akzeptiert oder sie kommen nur deutlich beschnitten zum Tragen. Dann wiederum mögen sie so umgesetzt werden, dass sie im Hinblick auf das Reich Gottes weitreichende Auswirkungen zeitigen. Das geistliche Wirken desvon Chuck Colson ins Leben gerufenen Vereins zur Förderung der Gefangenenhilfe (Prison Fellowship), der sich in Staatsoder BundesgefĂ€ngnissen engagiert, ist dafĂŒr ein gutes Beispiel.Es ist jedoch nicht abschĂ€tzbar, wie viel Einfluss geltend gemacht werden kann. Einige Erfolge können von enttĂ€uschend kurzer Dauer sein. Es wird auch Misserfolge geben. Aber diejenigen, denen diese indirekten Bezeugungen zuteilwerden, die – wenn auch entfernt – Gottes Willen und sein Wesen widerspiegeln, werden auf diesem Wege auf den Kern dessen verwiesen, was die Kirche zu bieten hat. Die Zeugnisse dienen somit als eine Art vorevangelikale ZurĂŒstung.

Die vorrangige Pflicht der umgebenden BĂŒrgergemeinde besteht darin, fĂŒr eine gute und gerechte Ordnung zu sorgen, so dass die Kirche in jedem Fall ihrer essentiellen, geistlichen Aufgabe als Glaubensgemeinschaft gerecht werden kann und ihre Mitglieder, ihr indirektes Bezeugen innerhalb der weitergefassten Gemeinde, ausleben können. Es wird dabei weitgehend auf die Sicherstellung der Rechtsstaatlichkeit, deröffentlichen Gerechtigkeit, hinauslaufen. Ziel wird das Gemeinwohl sein. Es wird somit Sorge dafĂŒr getragen, die Schwachen nicht von den Starken zuĂŒbervorteilen.

Es scheint, dies sei Paulus vorgeschwebt, als er, wie im Römerbrief 13 zu lesen ist, die rechten Pflichten gegenĂŒber der weltlichen Obrigkeit beschrieb. Es mag auch widerspiegeln, was Jesus meinte, als er sagte: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Mt 22,21), und was Petrus in seinem Brief ausdrĂŒcken wollte: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen,die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der ÜbeltĂ€ter und zum Lob derer, die Gutes tun“ (1. Petr 2,13-14).

von Gary Deddo


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