Gnade, die zum Glauben ruft
Warum gab Gott dem Volk Israel sein Gesetz, die Tora, wenn sein Bund doch auf Gnade beruht? Wie ist christlicher Gehorsam zu verstehen, wenn wir nicht durch Werke gerettet werden? Diese Fragen betreffen nicht nur das Verhältnis von Altem und Neuem Testament, sondern auch das christliche Leben in der Gegenwart. Denn wo Gnade missverstanden wird, wird entweder das Gesetz zum Mittel der Selbstrechtfertigung oder die Gnade zum Vorwand für Gleichgültigkeit. Gottes Bund gründet nicht auf menschlicher Leistung, sondern auf seinem freien, treuen und unwiderruflichen Handeln. Deshalb ist Gehorsam nie die Voraussetzung für Gottes Gnade, sondern deren Frucht. Der Mensch lebt nicht, um sich Gottes Ja zu verdienen. Er lebt aus der Zusicherung Gottes, die in Jesus Christus durch sein Opfer endgültig ausgesprochen worden ist.
Das Versprechen
Schon im Alten Testament wird sichtbar, dass Gottes Beziehung zu seinem Volk nicht auf menschlicher Vorleistung beruht. Israel wurde nicht erwählt, weil es grösser, besser oder treuer gewesen wäre als andere Völker. Gott hat sein Volk auserwählt, weil er es liebte und weil er an seiner Entscheidung und an seinem Wort festhielt. Mose erinnert Israel daran: «Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr grösser wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten» (5. Mose 7,7–8).
Paulus bekräftigt diese Botschaft: «Er rettete uns, nicht wegen unserer guten Taten, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit. Er wusch unsere Schuld ab und schenkte uns durch den Heiligen Geist ein neues Leben» (Titus 3,5).
Gottes Bund ist kein Vertrag zwischen zwei gleich starken Partnern. Er ist Ausdruck seines gnädigen Handelns. Der Bund ist sein Versprechen, sein Ja, sein freier Entschluss, Menschen an seinem Leben Anteil zu geben. Deshalb hängt die Wahrheit dieses Bundes nicht an der Beständigkeit des Menschen, sondern an der Treue Gottes. Der Mensch lebt aus dem, was Gott verheisst und schenkt.
Das Gesetz
Vor diesem Hintergrund ist auch das Gesetz zu verstehen. Die Tora wurde Israel nicht gegeben, damit es sich Gottes Wohlwollen erst verdienen konnte. Sie wurde einem Volk gegeben, das Gott bereits aus Gnade erwählt und erlöst hatte. Das Gesetz stand also nicht vor der Gnade, sondern ist Teil seiner Gnade.
Paulus beschreibt diese Aufgabe des Gesetzes so: «So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden. Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister» (Gal 3,24–25).
Der griechische Begriff «Zuchtmeister» bezeichnet einen Erzieher, der den Knaben bis zur Mündigkeit begleitete. Das Gesetz zeigte die Sünde auf, wies den Menschen zurecht und führte Gottes Volk im Bund: «Denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch vor ihm gerecht sein. Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde» (Röm 3,20).
Damit wird das Gesetz nicht abgewertet, sondern es ist von Gott gegeben: «So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut» (Röm 7,12).
Sein Zweck bestand nicht darin, eine Leiter zum Himmel aufzurichten. Es zeigte, wie ein Leben im Vertrauen auf Gottes Bund aussieht. Zugleich deckte es auf, wo dieses Vertrauen fehlte. So war das Gesetz Geschenk und Spiegel zugleich. Es lehrte Israel, wie ein Leben unter Gottes Herrschaft aussieht, und offenbarte die tiefe Abhängigkeit des Menschen von Gottes Erbarmen, weil er es aus eigener Kraft nicht erreichen kann.
Der Glaube
Wenn Gottes Bund auf seinem Versprechen beruht, dann kann die angemessene Antwort des Menschen nicht Selbstrechtfertigung sein, sondern nur Glaube. Biblischer Glaube bedeutet mehr als nur etwas für wahr zu halten, sondern sich Gott anzuvertrauen, auf seine Treue zu bauen und seinem Wort mehr Gewicht zu geben als der eigenen Sicherheit: «Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme» (Eph 2,8-9). Um Gott zu gefallen, ist es wichtig, an ihn zu glauben: «Aber ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt» (Hebr 11,6).
Der Hebräerbrief zeigt, wie solcher Glaube aussieht. Abel, Noah, Abraham, Sara und die anderen Glaubenszeugen lebten aus Gottes Zusage. Schon im Alten Testament war Glaube die angemessene Antwort auf Gottes Gnade. Im Neuen Bund richtet sich dieser Glaube auf die Erfüllung der Verheissung in Jesus Christus.
Jesus Christus
Was im Alten Testament verheissen wurde, ist in Jesus Christus erfüllt. In ihm hat Gottes Gnade Gestalt angenommen und ihre Vollendung gefunden. Paulus schreibt: «Denn auf alle Gottesverheissungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre» (2. Kor 1,20).
Der Neue Bund ist deshalb nicht eine andere Form der Güte Gottes, sondern die Erfüllung derselben göttlichen Treue, die schon zuvor wirksam war. Jesu Leben, sein Leiden, sein stellvertretender Tod, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt sind Gottes rettendes Handeln für uns: «Nun aber hat er ein höheres Amt empfangen, wie er ja auch der Mittler eines besseren Bundes ist, der auf bessere Verheissungen gegründet ist» (Hebr 8,6). Wenig später heisst es: «Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheissene ewige Erbe empfangen» (Hebr 9,15).
Der christliche Glaube gründet nicht auf einer unbestimmten Hoffnung, sondern auf dem vollbrachten Werk Jesu Christi. Der Glaube vertraut nicht auf den eigenen Gehorsam als Grundlage des Heils, sondern auf den Sohn Gottes, in dem Gott selbst gehandelt hat.
Der Gehorsam
Gott sucht keinen Gehorsam, der aus Angst, Berechnung oder dem Wunsch nach Verdienst entsteht. Er will einen Gehorsam, der aus dem Glauben erwächst. Dieser zeigt sich in Beständigkeit und Verlässlichkeit, die aus dem Glauben an den Allmächtigen erwachsen: «Nun aber offenbart und kundgemacht ist durch die Schriften der Propheten nach dem Befehl des ewigen Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden, ihm, dem einzigen und weisen Gott, sei durch Jesus Christus Ehre in Ewigkeit! Amen» (Römer 16,26-27).
Gehorsam ist also nicht der Weg, auf dem der Mensch Gottes Gnade erst erwirbt. Er ist das Leben, das aus empfangener Gnade hervorgeht. Der Apostel, ein gesetzestreuer Pharisäer, erkannte die tiefgreifende Wahrheit, dass Gott nie wollte, dass er aus sich selbst Gerechtigkeit erlangte, indem er das Gesetz hielt: «Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben» (Phil 3,8–9).
Gott wünscht sich von uns einen Gehorsam, der aus Glauben, Hoffnung und Liebe zu ihm entspringt. Wer Gottes Verheissungen glaubt, wird entsprechend leben wollen.
Der Unglaube
Israels Geschichte ist voller Warnungen. Weil das Volk Gottes Güte immer wieder misstraute, verfehlte es oft den Segen, der ihm zugesagt war: «Denn er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand. Wenn ihr doch heute auf seine Stimme hören wolltet: Verstocket euer Herz nicht, wie zu Meriba geschah, wie zu Massa in der Wüste, wo mich eure Väter versuchten und prüften und hatten doch mein Werk gesehen» (Ps 95,7–9).
Unglaube hat reale Folgen. Er verdunkelt die Erkenntnis Gottes, verengt das Leben und raubt die Freude an seinen Gaben. Selbst diese ernsten Folgen bedeuten nicht, dass Gott seinen Bund aufkündigt. Seine Warnungen stehen nicht ausserhalb seiner Gnade, sondern innerhalb seiner treuen Zuwendung. Gerade indem er warnt, zeigt er, dass er sein Volk nicht sich selbst überlässt.
Die Treue
Die Treue Gottes ist die Grundlage aller Hoffnung und Zuversicht. Weil Gott um seines Namens willen handelt und sich selbst treu bleibt, wird sein Werk der Erlösung nicht scheitern. Der Mensch kann Gott nicht dazu bringen, sich selbst untreu zu werden: «Sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen» (2. Tim 2,13).
Seine unerschütterliche Treue garantiert, dass er uns niemals aufgeben wird. Vielmehr liebt er uns vollkommen, durch die Vollkommenheit seines Sohnes. Gott will den Menschen nicht in seiner Unvollkommenheit belassen. Seine Gnade zielt auf Vollendung. Er rechtfertigt, erneuert und verherrlicht. Was er beginnt, bringt er auch zu Ende: «Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu» (Phil 1,6).
Reaktion auf Gottes Güte
Der sich selbst treu bleibende Gott führt im Neuen Bund, der in Jesus Christus erfüllt ist, seine Beziehung mit den Menschen weiter. Er lässt uns an den Segensgaben seines Lebens, seines Todes, seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt teilhaben. Auch der Heilige Geist wohnt in uns. Diese Gnadengaben verlangen eine Antwort: Glauben und Vertrauen.
Wie soll unsere Reaktion auf diese Gnade aussehen? Indem wir Gott und seinem Versprechen vertrauen. Die Gnade nimmt dem Menschen jeden Ruhm und gibt Christus alle Ehre. Sie lehrt uns, Gott nicht als harten Fordernden zu sehen, sondern als treuen Vater, der in seinem Sohn alles für unser Heil getan hat. Daraus wächst im Herzen des Glaubenden der Wunsch, Gott zu vertrauen, ihn zu lieben und in seinen Wegen zu gehen.
von Gary Deddo
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