Vom Dienst am Nächsten

371 vom dienst am naechsten Das Buch Nehemia, eines der 66 Bücher der Bibel, gehört wahrscheinlich zu den am wenigsten beachteten. Es enthält keine tief empfundenen Gebete und Lieder wie der Psalter, keinen grandiosen Bericht über die Schöpfung wie das Buch Genesis (1. Mose) und auch keine Biographie über Jesus oder die Theologie eines Paulus. Als inspiriertes Wort Gottes ist es jedoch genauso wichtig für uns. Beim Durchblättern des Alten Testamentes wird es leicht übersehen, doch können wir viel aus diesem Buch lernen – insbesondere über wahren Zusammenhalt und vorbildliche Lebensweise.

Das Buch Nehemia wird zu den Geschichtsbüchern gezählt, weil in ihm vor allem wichtige Ereignisse der jüdischen Geschichte aufgezeichnet sind. Zusammen mit dem Buch Esra berichtet es über die Wiederherstellung der Stadt Jerusalem, die von den Babyloniern erobert und verwüstet wurde. Das Buch ist insofern einzigartig, weil es in der Ichform geschrieben wurde. Wir erfahren durch Nehemias eigene Worte, wie dieser treue Mann für sein Volk kämpfte.

Nehemia bekleidete eine wichtige Stellung am Hof des König Artaxerxes, doch er gab dort Macht und Einfluss auf, um seinem Volk zu helfen, das unter grossem Unglück und Schmach zu leiden hatte. Er erhielt die Erlaubnis, nach Jerusalem zurückzukehren und die zerstörte Stadtmauer wieder aufzubauen. Eine Stadtmauer mag uns in der heutigen Zeit unwichtig erscheinen, aber im 5. Jahrhundert vor Christus war die Befestigung einer Stadt ausschlaggebend für deren Besiedlung. Dass Jerusalem, das Zentrum der Anbetung für Gottes auserwähltes Volk, zerstört und ohne Schutz dalag, stürzte Nehemia in tiefe Trauer. Es wurden ihm die Mittel gegeben, die Stadt wieder aufzubauen und zu einem Ort zu machen, in dem Menschen leben und Gott anbeten konnten, ohne wieder Angst haben zu müssen. Jerusalem neu aufzubauen, war jedoch keine einfache Aufgabe. Die Stadt war von Feinden umgeben, die es gar nicht gut fanden, dass das jüdische Volk dabei war wieder aufzublühen. Sie drohten mit einer überraschenden Zerstörung der bereits durch Nehemia errichteten Bauten. Es war dringend geboten, die Juden auf die Gefahr vorzubereiten.

Nehemia berichtet selbst: “Und es geschah hinfort, dass die Hälfte meiner Leute am Bau arbeitete, die andere Hälfte aber hielt Spiesse, Schilde, Bogen und Panzer bereit und stand hinter dem ganzen Hause Juda, das an der Mauer baute. Die da Lasten trugen, arbeiteten so:

Mit der einen Hand taten sie die Arbeit und mit der andern hielten sie die Waffe“ (Nehemia 4,10-11). Das war eine sehr ernste Situation! Um die Stadt, die Gott auserwählt hatte, wieder aufbauen zu können, mussten die Israeliten abwechselnd Leute zum Bau einteilen und Wachen zu deren Schutz aufstellen. Sie mussten darauf vorbereitet sein, jederzeit einen Angriff abzuwehren.

Überall in der Welt gibt es viele Christen, die aufgrund ihrer Lebensweise nach dem Glauben ständig durch Verfolgung bedroht sind. Selbst jene, die nicht jeden Tag in Gefahr leben, können viel aus Nehemias Einsatzbereitschaft lernen. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie wir uns untereinander „schützen“ können, auch wenn die Umstände weniger extrem sind. Wenn wir uns für den Aufbau des Leibes Christi einsetzen, begegnet uns die Welt mit Abweisung und Entmutigung. Als Christen sollten wir uns mit gleichdenkenden umgeben und sie unterstützen.

Nehemia und seine Leute stellten jederzeit Wachsamkeit und Einsatzbereitschaft sicher, um in jeder Situation gewappnet zu sein – sei es zum Aufbau der Stadt des Volkes Gottes oder deren Verteidigung. Man hatte sie nicht notwendigerweise dazu aufgefordert, weil sie am besten für die Aufgabe geeignet waren, sondern weil die Arbeit getan werden musste.

Es dürfte unter uns nur wenige geben, die sich berufen fühlen, grossartige Dinge zu tun. Im Gegensatz zu vielen Persönlichkeiten der Bibel wurde Nehemia nicht ausdrücklich berufen. Gott sprach nicht durch einen brennenden Busch oder in einem Traum zu ihm. Er hat einfach von der Not gehört und betete um Einsicht, wie er helfen könne. Dann bat er darum, dass man ihm die Aufgabe übertragen möge, Jerusalem wieder aufzubauen – und er bekam die Erlaubnis. Er übernahm die Initiative, sich für Gottes Volk einzusetzen. Wenn uns eine Notlage in unserem Umfeld aufrüttelt, etwas zu unternehmen, so kann uns Gott auf diese Weise genauso mächtig darin führen, als würde er dazu eine Wolkensäule oder eine Stimme aus dem Himmel einsetzen.

Wir können nie wissen, wann wir in einen Dienst berufen werden. Es sah nicht danach aus, dass Nehemia der aussichtsreichste Kandidat sein würde: Er war weder Architekt noch Baumeister. Er hatte eine starke politische Position inne, die er ohne Sicherheit auf Erfolg aufgab, weil die Not ihn drängte. Er lebte für diese Aufgabe, weil er davon überzeugt war, dass Menschen nach dem Willen Gottes und seinen Wegen unter den Nationen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit leben sollten – in Jerusalem. Und er achtete dieses Ziel höher, als seine eigene Sicherheit und eigenen Verdienst. Nehemia musste sich ständig neuen Situationen stellen. Während des Wiederaufbaus war er stets gefordert, Widrigkeiten zu überwinden und seine Leute neu zu anzuleiten.

Ich denke daran, wie oft es uns allen doch schwerzufallen scheint, einander zu dienen. Mir fällt dabei ein, dass ich oft gedacht habe, jemand anders als ich sei viel besser geeignet, in bestimmten Fällen zu helfen. Das Buch Nehemia erinnert uns jedoch daran, dass wir als eine Gemeinschaft Gottes aufgerufen sind, füreinander zu sorgen. Wir sollten darauf vorbereitet sein, unsere eigene Sicherheit und unser Vorwärtskommen hinten anzustellen, um Christen, die sich in Not befinden, beizustehen.

Es erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit, wenn ich von Geschwistern und Mitarbeitern höre, die sich für andere einsetzen, sei es durch persönlichen Einsatz oder ihre Spenden – die anonym hinterlegte Tüte mit Lebensmitteln oder Kleidung vor der Tür einer notleidenden Familie hinterlassen oder eine Einladung an einen bedürftigen Nachbarn zum Abendessen aussprechen – sie alle bedürfen eines Zeichens der Liebe. Ich freue mich darüber, dass Gottes Liebe durch sein Volk zu den Menschen fliesst! Unser Einsatz für die Nöte in unserem Umfeld zeigt eine wirklich vorbildliche Lebensweise, in der wir in jeder Situation darauf vertrauen, dass Gott uns an den richtigen Platz gestellt hat. Seine Wege sind manchmal ungewöhnlich, wenn es um unsere Hilfe für andere geht und darum, ein bisschen Licht in unsere Welt zu tragen.

Vielen Dank für Ihre Treue zu Jesus und Ihre liebevolle Unterstützung unserer Glaubensgemeinschaft.

Mit Wertschätzung und Dankbarkeit

Joseph Tkach

Präsident
GRACE COMMUNION INTERNATIONAL


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