Die andere Seite der Medaille

Wir mögen unseren neuen Chef nicht! Er ist hartherzig und kontrollierend. Sein Leitungsstil ist eine grosse Enttäuschung, vor allem in Anbetracht des positiven Arbeitsklimas, das wir unter der ehemaligen Leitung genossen haben. Können Sie bitte etwas tun? Diese Beschwerde erhielt ich vor vielen Jahren von Beschäftigten einer unserer Zweigstellen, die ich während meiner Zeit als Personalleiter eines Herstellungs- und Marketingunternehmens betreute. Also entschloss ich mich, ein Flugzeug zu besteigen und die Zweigstelle mit der Hoffnung zu besuchen, den Konflikt zwischen dem neuen Leiter und seinen Mitarbeitern zu schlichten.

Ein völlig anderes Bild entstand, als ich mich mit dem Management und den Mitarbeitern traf. Die Wahrheit war, dass die Vorgehensweise des Leiters im Vergleich zu seinem Vorgänger eine völlig neue war, er aber keineswegs die schreckliche Person darstellte, als die er von seinen Mitarbeitern beschrieben wurde. Er drückte jedoch eine grosse Besorgnis aus, was das Wachstum und die Entwicklung des Unternehmens anging und war über die negativen Reaktionen so kurz nach seiner Ankunft frustriert.

Auf der anderen Seite konnte ich die Schwierigkeiten, die die Mitarbeiterschaft hatte, verstehen. Sie versuchten sich an den neuen direkten Führungsstil, der ihnen sehr fremd vorkam, zu gewöhnen. Er hatte sehr schnell ein eher unpopuläres, aber effizienteres und effektiveres System und Leistungsstandards eingeführt. Das Ganze geschah sehr schnell und vielleicht etwas voreilig. Während der vorherige Leiter etwas entspannter war, litt die Produktivität aufgrund der alten Methoden darunter.

Es ist unnötig zu sagen, dass sich die Situation innerhalb weniger Monate beruhigte. Respekt und Wertschätzung für den neuen Chef wuchsen langsam und es war ermutigend zu sehen, wie Arbeitsmoral und Leistung anstiegen.

Beide Seiten hatten Recht

Diese bestimmte Episode lehrte mich eine wichtige Lektion über Menschen, die mit anderen Menschen in Beziehungen stehen. Die Ironie dieses potentiellen Explosionsszenarios ist die: Beide Parteien hatten Recht und beide mussten lernen, mit neuen Dingen und Situationen umzugehen. Auf einander zugehen, mit einem Geist der Versöhnung, das machte den grossen Unterschied. Die Tendenz sich Meinungen über Individuen, Familien und Gruppen zu bilden, weil man die eine Seite der Geschichte gehört oder von einer dritten Partei überzeugende Ansichten geliefert bekommt, kann oft zu quälenden Beziehungsproblemen führen.

Sprüche 18,17 sagt uns: Ein jeder hat zuerst in seiner Sache recht; kommt aber der andere zu Wort, so findet sich’s.

Der Theologe Charles Bridges (1794-1869) schrieb über den Vers in seinem Kommentar über die Ausführungen zu den Sprüchen: Hier werden wir gewarnt, uns nicht gegenüber anderen zu rechtfertigen ... und unseren Fehlern gegenüber blind zu sein. Dadurch sind wir fähig, unsere eigene Sache in ein starkes Licht zu stellen; und manchmal, fast unbewusst, einen Schatten auf das zu werfen, was eine Balance auf der anderen Seite hervorbringen würde, oder es gar völlig auszulassen. Es ist schwierig, Fakten und Umstände mit perfekter Genauigkeit wiederzugeben, wenn unser eigener Name oder unsere eigene Sache betroffen ist. Unsere eigene Sache kann zuerst kommen und richtig erscheinen, doch gemäss den Sprüchen nur dann recht sein, bis eine andere Seite der Medaille gehört wird.

Irreparabler Schaden

Der Hang, Schlüsse zu ziehen, weil man eine sehr überzeugende Seite der Medaille gehört hat, kann unwiderstehlich sein. Vor allem dann, wenn es sich um einen Freund oder jemanden handelt, der gleiche Lebensansichten teilt, wie man sie selbst hat. Einseitiges Feedback dieser Art hat das Potential, einen dunklen Schatten auf Beziehungen zu werfen. Sie erzählen z.B. einem engen Freund von dem kleinen Diktator, den sie als neuen Chef haben und der viel Ärger in ihrem Leben verursacht. Die Tendenz, dass sie ihre eigene Sache so drehen, damit sie in einem guten Licht dastehen, wird sehr gross sein. Ihr Freund bildet sich dann eine verfälschte Meinung über ihren Vorgesetzten und wird mit ihnen und den Dingen, die sie durchmachen, mitfühlen. Da ist noch eine weitere Gefahr: Dass er seine falsch interpretierte Wahrheit mit anderen teilt.

Das Potential, dass eine verfälschte Version der Wahrheit sich wie ein Lauffeuer verbreitet, ist sehr real und kann einen irreparablen Schaden für den Ruf und den Charakter einer Person oder einer Gruppe von Menschen verursachen. Wir leben in einem Zeitalter, in dem alle möglichen Geschichten durch Munkeln ans Tageslicht kommen oder schlimmer noch, ihren Weg durchs Internet oder soziale Netzwerke finden. Wenn es einmal an der Öffentlichkeit ist, so ist es leider für alle sichtbar und nicht mehr virtuell rückgängig zu machen.

Die englischen Puritaner des 16. Und 17. Jahrhunderts beschrieben Sprüche 18,17 als Urteil der Liebe und betonten die Wichtigkeit, eine Atmosphäre der Gnade in Beziehungen zu schaffen. Die Initiative mit einem ehrlichen Wunsch und in einem demütigen Geist zu ergreifen, um alle Perspektiven in einem Konflikt zu verstehen, ist absolut grundlegend, um Beziehungen wieder herzustellen. Ja, es braucht Mut! Aber der Vorteil gegenseitigen Respektes, Erbauung und stärkender Heilung kann gar nicht überbewertet werden. Erfahrene Mediatoren und Seelsorger versuchen in der Regel alles ihnen Mögliche zu veranlassen, um alle sich gegenüberstehenden Parteien zusammen zu bringen. Dadurch begünstigen sie die Möglichkeiten, für jede einzelne Person ihre oder seine Sachen in der Gegenwart des anderen zum Ausdruck zu bringen.

Jakobus 1,19 gibt uns folgende Ratschlag: Ihr sollt wissen, meine lieben Brüder: ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.

In seinem Artikel Das Kissen der Gnade ermutigt uns Pastor William Harrell der Immanuel Presbyterian Church das Kissen der Gnade, das unser Erlöser in Bezug auf alle Beziehungen anwandte, zu erkennen und zu respektieren. Dieser Sündenfaktor verfälscht unser Urteil und verfärbt unsere Motive, sodass wir unfähig werden, die ganze Wahrheit in unseren persönlichen Beziehungen wahrzunehmen. Wir sind daher nicht nur dazu angewiesen, in unseren Beziehungen wahrhaftig, sondern wahrhaftig in der Liebe zu sein (Eph 4,15).

Es ist deshalb wichtig, vorsichtig zu sein, wenn wir von scheinbar schlechten Dingen anderer Leute hören oder lesen. Lassen Sie uns deshalb in unserer Verantwortung beide Seiten der Medaille ansehen, bevor wir zu voreiligen Schlüssen kommen. Suchen Sie sich die Fakten und nehmen Sie sich, wenn möglich die Zeit, mit allen Beteiligten zu sprechen.

Uns nach anderen in der Kraft der Liebe auszustrecken und ernsthaft zuzuhören, um ihre Seite der Medaille zu verstehen, ist der Inbegriff der unglaublichen Gnade.    

von Bob Klynsmith


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