Das Reich Gottes (Teil 6)

Im Allgemeinen wird in Bezug auf die Beziehung zwischen der Kirche und dem Reich Gottes auf drei Sichtweisen verwiesen. Es ist die, welche mit der biblischen Offenbarung und einer Theologie übereinstimmt, die der Person und dem Wirken Christi, sowie des Heiligen Geistes in voller Tragweite Rechnung trägt. Diese steht im Einklang mit den Ausführungen George Ladds in seinem Werk A Theology of the New Testament [dt.: Theologie des Neuen Testaments]. Thomas F. Torrance fügte zur Stützung dieser Lehrmeinung einige wichtige Schlussfolgerungen bei.Einige meinen, die Kirche und das ReichGottes seien im Wesentlichen identisch. Andere sehen beide deutlich voneinander unterschieden, wenn nicht gar vollkommen unvereinbar1.

Zur vollständigen Erfassung der biblischen Darstellung ist es erforderlich, das Neue Testament in seiner ganzen Bandbreite unter Berücksichtigung vieler Bibelstellen und Unterthemen zu untersuchen, was Ladd getan hat. Basierend auf dieser Grundlage bringt er eine dritte Alternative vor, welche die These vertritt, dass Kirche und Reich Gottes zwar nicht identisch, aber untrennbar miteinander verbunden sind. Sie greifen ineinander über. Die vielleicht einfachste Art und Weise, die Beziehung zu beschreiben, ist die Feststellung, dass die Kirche das Volk Gottes darstellt. Die sie umfassenden Menschen sind sozusagen die Staatsbürger des Reiches Gottes, können aber nicht mit dem Reich selbst gleichgesetzt werden, welches identisch ist mit der vollkommenen Herrschaft Gottes durch Christus im Heiligen Geist. Das Reich ist vollkommen, die Kirche jedoch nicht. Die Untertanen sind Untertanen des Königs des Reiches Gottes, Jesus, aber sie sind nicht der König selbst und sollten auch nicht mit ihm verwechselt werden.

Die Kirche ist nicht das Reich Gottes

Im Neuen Testament wird die Kirche (griech.: ekklesia) als das Volk Gottes bezeichnet. Es ist in dieser gegenwärtigen Weltzeit (der Zeit seit Christi erstem Kommen) zu einer Gemeinschaft versammelt bzw. vereint. Die Gemeindeglieder versammeln sich unter Berufung auf die Verkündigung des Evangeliums, wie es die ersten Apostel lehrten – jene, die von Jesus selbst dazu ermächtigt und ausgesandt wurden. Das Volk Gottes empfängt die Botschaft der biblischen Offenbarung, die für uns aufbewahrt ist und folgt kraft der Busse und des Glaubens der Realität, werGott gemäss dieser Offenbarung ist. Wie in der Apostelgeschichte ausgeführt, sind es die Angehörigen des Volkes Gottes, die „beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet [bleiben]“ (Apg. 2,42).Anfangs setzte sich die Kirche aus den verbliebenen, treuen Glaubensanhängern Israels aus dem Alten Bund zusammen. Sie glaubten daran, Jesus habe die ihnen gegenüber offenbarten Verheissungen als Gottes Messias und Erlöser erfüllt. Fast gleichzeitig mit dem ersten Pfingstfest im Neuen Bund wuchsDas Volk Gottes empfängt die Botschaft der biblischen Offenbarung, die für uns aufbewahrt ist und folgt kraft der Busse und des Glaubens der Realität, werGott gemäss dieser Offenbarung ist. Wie in der Apostelgeschichte ausgeführt, sind es die Angehörigen des Volkes Gottes, die „beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet [bleiben]“ (Apg. 2,42).Anfangs setzte sich die Kirche aus den verbliebenen, treuen Glaubensanhängern Israels aus dem Alten Bund zusammen. Sie glaubten daran, Jesus habe die ihnen gegenüber offenbarten Verheissungen als Gottes Messias und Erlöser erfüllt. Fast gleichzeitig mit dem ersten Pfingstfest im Neuen Bund wuchs

Gottes Volk unter der Gnade – nicht vollkommen

Das Neue Testament weist jedoch darauf hin, dass dieses Volk nicht vollkommen, nicht mustergültig ist. Dies wird besonders im Gleichnis von den im Netz gefangenen Fischen deutlich (Mt 13,47-49). Die sich um Jesus und sein Wort versammelte Kirchengemeinde wird schlussendlich einem Scheideprozess unterworfen sein. Es wird eine Zeit kommen, in der deutlich wird, dass sich einige, die sich dieser Gemeinde zugehörig fühlten, Christus und dem Heiligen Geist gegenüber nicht empfänglich zeigten, sondern sie vielmehr geschmäht und sich ihrer verwehrt haben. Das heisst, einige, die zur Gemeinde gehörten, haben sich nicht unter dieHerrschaft Christi gestellt, sondern sich der Busse widersetzt und der Gnade von Gottes Vergebung und der Gabe des Heiligen Geistes entzogen. Andere haben Christi Wirken in freiwilliger Unterordnung unter sein Wort wankelmütig aufgenommen. Alle müssen sich jedoch dem Glaubenskampf jeden Tag aufs Neue stellen. Es sind alle angesprochen. Alle sollten sich, sanft geleitet, dem Wirken des Heiligen Geistes stellen, mit uns die Heiligung zu teilen, die Christus selbst in Menschengestalt für uns teuer erkaufte. Eine Heiligung,die danach verlangt, täglich unser altes, falsches Ich ersterben zu lassen. Das Leben dieser Kirchengemeinde ist also vielgestaltig, nicht vollkommen und rein. Die Kirche sieht sich darin fortwährend von der Gnade Gottes getragen. Die Glieder der Kirche machen den Anfang, wenn es gilt, Busse zu tun, und wird dabei beständig erneuert und reformiert.Die im Neuen Testament verbreitete Lehre verweist in weiten Teilen auf einen fortwährenden Erneuerungsprozess, der mit Busse, Glauben, Erkenntnisgewinn, Gebet, dem Widerstehen von Versuchungen, sowie Besserung und Wiederherstellung, das heisst, Versöhnung mit Gott, einhergeht. Nichts davon wäre notwendig, wenn die Kirche schon jetzt ein Bild der Vollkommenheit abzugeben hätte. So wie sich dieses dynamische, von Weiterentwicklung geprägte Leben manifestiert, stimmt es wunderbar mit dem Gedanken überein, das Reich Gottes offenbare sich nicht in dieser Weltzeit in seiner ganzen Vollkommenheit. Es ist das Volk Gottes, das voller Hoffnung wartet – und das Leben eines jeden, der ihm angehört,in Christus verborgen (Kol 3,3) und gleicht gegenwärtig gewöhnlichen, irdenen Gefässen (2. Kor 4,7). Wir warten auf unser Heil in Vollkommenheit.

Predigt vom Reich Gottes, nicht von der Kirche

Es gilt mit Ladd festzuhalten, dass die ersten Apostel den Brennpunkt in ihren Predigten nicht auf die Kirche setzten, sondern auf das Reich Gottes. Jene,die ihre Botschaft annahmen, waren es dann, die als Kirche, als Christi ekklesia, zusammenfanden. Das heisst, dass die Kirche, das Volk Gottes, nicht Gegenstand des Glaubens oder der Anbetung ist. Allein der Vater, Sohn und Heilige Geist, der dreieine Gott ist dies. Das Predigen und die Lehre der Kirche sollten sich nicht selbst zum Objektdes Glaubens machen, sich also nicht vorrangig um sich selbst drehen. Deshalb betont Paulus, dass „[wir] nicht uns selbst verkündigen [...], sondern Jesus Christus als den Herrn, uns selbst aber als eure Knechte, um Jesu willen“ (2. Kor 4,5; Zürcher Bibel). Botschaft und Wirken der Kirche sollten nicht auf sich selbst verweisen, sondern auf die Herrschaft des dreieinigen Gottes, die Quelle ihrer Hoffnung. Gott wird seine Herrschaft der ganzen Schöpfung angedeihen lassen, eine Herrschaft, die von Christus durch sein irdisches Wirken, sowie von der Ausgiessung des Heiligen Geistes begründet wurde, jedoch erst dereinst in Vollkommenheit erstrahlen wird. Die sich um Christus scharende Kirche schaut zurück auf sein abgeschlossenes Erlösungswerk und voraus auf die Vollendung in Vollkommenheit seines fortdauernden Wirkens. Darin liegt ihr wahrer Fokus.

Das Reich Gottes geht nicht aus der Kirche hervor

Die Unterscheidung zwischen Reich Gottes und Kirche wird auch daran ersichtlich, dass vom Reich, streng genommen, als Werk und Geschenk Gottes, gesprochen wird. Es kann nicht von Menschen errichtet oder herbeigeführt werden, nicht einmal von jenen, die die neue Gemeinschaft mit Gott teilen. Gemäss dem Neuen Testament können Menschen des Reiches Gottes teilhaftig werden, darin Eingang finden, es ererben, aber sie können es weder zerstören, noch auf Erden bringen. Sie können etwas um des Reiches willen tun, aber nie wird es der menschlichen Handlungsmacht unterliegen. Diesen Punkt betont Ladd mit Nachdruck.

Das Reich Gottes: auf den Weg gebracht, aber noch nicht vollendet

Das Reich Gottes ist auf den Weg gebracht worden, hat sich jedoch noch nicht in Vollkommenheit entfaltet. Mit Ladds Worten: „Es besteht bereits, ist aber noch nicht vollendet.“ Das Reich Gottes auf Erden ist noch nicht vollkommen verwirklicht. Alle Menschen, ob sie nun der Gemeinschaft des Volkes Gottes angehören oder nicht, leben in diesem noch der Vollkommenheit zustrebenden Zeitalter.Die Kirche selbst, die Gemeinschaft derer, die sich um Jesus Christus, sein Evangelium und Missionswerk scharen, entrinnt nicht den Problemen und Einschränkungen, weiterhin der Sünde und dem Tode verhaftet zu sein. Deshalb bedarf sie einer beständigen Erneuerung und Belebung. Sie muss fortwährend die Gemeinschaft mit Christus aufrechterhalten, indem sie sich unter sein Wort stellt und sich ohne Unterlass von seinem barmherzigen Geist speisen, erneuern und aufrichten lässt. Ladd fasste die Beziehung zwischen Kirche und Reich Gottes in diesen fünf Aussagen zusammen:2

  • Die Kirche ist nicht das Reich Gottes.
  • Das Reich Gottes bringt die Kirche hervor – nicht umgekehrt.
  • Die Kirche bezeugt das Reich Gottes.
  • Die Kirche ist das Werkzeug desReiches Gottes.
  • Die Kirche ist der Sachverwalter des Reiches Gottes.

Kurz gesagt, können wir festhalten,dass das Reich Gottes das Volk Gottes einschliesst. Aber nicht alle, die der Kirche angeschlossen sind, unterwerfen sich bedingungslos der Herrschaft Christi über das Reich Gottes. Das Volk Gottes setzt sich aus jenen zusammen, die Eingang in das Reich Gottes gefunden haben und sich der Führung und Herrschaft Christi unterwerfen. Leider mögen einige derer, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt der Kirche angeschlossen haben, den Charakter des gegenwärtigen und kommenden Reiches nicht recht widerspiegeln. Sie lehnen Gottes Gnade, die ihnen von Christus über das Wirken der Kirche entgegengebracht wird, weiterhin ab. Wir erkennen also, dass das Reich Gottes und die Kirche untrennbar miteinander verbunden, jedoch nicht identisch sind. Wenn das Reich Gottes bei der Wiederkunft Christi in aller Vollkommenheit offenbart wird, wird sich das Volk Gottes ausnahmslos und ohne Abstriche seiner Herrschaft unterstellen und im Zusammenleben aller wird sich diese Wahrheit voll und ganz widerspiegeln.

Wie wirkt die Unterschiedlichkeit bei gleichzeitiger Untrennbarkeit von Kirche und Reich Gottes aus?

Die Unterscheidung zwischen Kirche und Reich Gottes wirkt sich vielfältig aus. Wir können hier lediglich einige wenige Punkte ansprechen.

Leibhaftiges Bezeugendes kommenden Reiches

Eine bedeutsame Auswirkung sowohl der Verschiedenheit als auch der Untrennbarkeit von Kirche und Reich Gottes besteht darin, dass die Kirche eine konkret sichtbare Manifestation des künftigen Reiches darstellen soll. Thomas F. Torrance wies in seiner Lehre ausdrücklich darauf hin. Obgleich das Reich Gottes noch nicht in Vollkommenheit verwirklicht ist, soll die Kirche im täglichen Leben, im Hier und Jetzt der gegenwärtigen sündenbehafteten Weltzeit leibhaftig Zeugnis über das ablegen, was derzeit noch nicht vollendet ist. Nur weil das Reich Gottes noch nicht in Vollkommenheit präsent ist, heisst das nicht, dass die Kirche lediglich eine geistliche Realität ist, die sich im Hier und Jetzt nicht fassen bzw. erfahren lässt. Mit Wort und Geist und vereint mit Christus, kann das Volk Gottes, gegenüber der beobachtenden Welt, in Zeit und Raum, sowie mit Fleisch und Blut, konkret Zeugnis über das Wesen des kommenden Reiches Gottes ablegen.

Die Kirche wird dies weder erschöpfend, noch vollkommen oder dauerhaft leisten. Jedoch kann das Volk Gottes kraft des Heiligen Geistes und gemeinsam mit dem Herrn dem Segen des künftigen Reiches konkret Ausdruck verleihen, da Christus Sünde, Übel und den Tod selbst überwunden hat und wir wahrhaftig auf das künftige Reich hoffen dürfen. Dessen wichtigstes Zeichen gipfelt in der Liebe – einer Liebe, die die Liebe des Vaters zum Sohn im Heiligen Geist widerspiegelt, sowie die Liebe des Vaters uns und seiner ganzen Schöpfung gegenüber, durch den Sohn, im Heiligen Geist. Die Kirche kann im Gottesdienst, im täglichen Leben, sowie mit ihrem Einsatz für das Gemeinwohl jener, die nicht der christlichen Gemeinschaft angehören, Zeugnis über die Herrschaft Christi ablegen. Das einzigartige und zugleich hervorstechendste Zeugnis, das die Kirche angesichts dieser Realität ablegen kann, besteht in der Darreichung des Heiligen Abendmahls, wie sie in der Predigt von Gottes Wort im Gottesdienstausgelegt wird. Hierin, im Kreise der versammelten Kirchengemeinde, erkennen wir das konkreteste, schlichteste, wahrhaftigste, unmittelbarste und wirkungsvollste Zeugnis der Gnade Gottes in Christus. An seinem Altar erfahren wir kraft des Heiligen Geistes die bereits bestehende, aber nochnicht vollkommene Herrschaft Christi durch seine Person. Am Tisch des Herrn schauen wir auf seinen Kreuzestod zurück und richten unseren Blick nach vorn auf sein Reich, während wir die Gemeinschaft mit ihm teilen, ist er doch kraft des Heiligen Geistes gegenwärtig. An seinem Altar erhalten wir einen Vorgeschmack auf sein kommendes Reich. Wir treten an den Tisch des Herrn, um seiner selbst teilhaftig zu werden, so wie er uns verheissen wurde, als unser Herr und Erlöser.

Gott ist mit keinem von uns fertig

In der Zeit zwischen Christi erstem Kommen und seiner Wiederkunft zu leben, bedeutet noch etwas anderes. Es bedeutet, dass jeder sich auf einer geistlichen Pilgerfahrt befindet – in einer sich fortwährend entwickelnden Beziehung zu Gott. Der Allmächtige ist mit keinem Menschen fertig, wenn es darum geht, ihn zu sich hinzuziehen und ihn zu stetig wachsendem Vertrauen auf ihn, sowie zur Annahme seiner Gnade und des von ihm geschenkten neuen Lebens, in jedem Moment, eines jeden Tages, zu bewegen. Es ist Aufgabe der Kirche, in der bestmöglichen Weise die Wahrheit zu verkündigen, wer Gott in Christus ist und wie er sich im Leben eines jeden Menschen offenbart. Die Kirche ist aufgefordert, ohne Unterlass in Wort und Tat Zeugnis über das Wesen und die Natur Christi und seines künftigen Reiches abzulegen. Wir können jedoch nicht im Voraus wissen, wer (um Jesu bildliche Sprache aufzugreifen) zum Unkraut oder zu den schlechten Fischen zählen wird. Es wird Gott selbst obliegen, die ultimative Scheidung des Guten vom Schlechtenzu gegebener Zeit vorzunehmen. Es ist nicht an uns, den Prozess voranzutreiben (oder ihn zu verzögern). Wir sind nicht die ultimativen Richter im Hier und Jetzt. Vielmehr sollen wir voller Hoffnung auf Gottes Wirken in jedermann kraft seines Wortes und Heiligen Geistes treu im Glauben und geduldig in der Differenzierung bleiben. Aufmerksam zu bleiben und dem Wichtigsten Priorität einzuräumen, das Wesentliche an erste Stelle zu setzen und dem weniger Wichtigen weniger Bedeutung beizumessen, das ist in dieser Zeit zwischen den Zeiten von entscheidender Bedeutung. Natürlich müssen wir unterscheiden, was wichtig und was weniger wichtig ist.

Des Weiteren sorgt die Kirche für eine Gemeinschaft der Liebe. Ihre Hauptaufgabe ist es nicht, eine scheinbar ideale bzw. absolut vollkommene Kirche zu gewährleisten, indem sie es als ihr vorrangiges Ziel betrachtet, jene aus der Gemeinschaft auszuschliessen, die sich zwar dem Volk Gottes angeschlossen haben, aber noch nicht fest imGlauben stehen oder in ihrer Lebensführung noch nicht recht das Leben Christi widerspiegeln. Es ist unmöglich, dies in diesem gegenwärtigen Zeitalter umfassend zu verwirklichen. Wie Jesus lehrte, wird der Versuch, das Unkraut auszujäten (Mt 13,29-30) oder den guten Fisch vom schlechten zu scheiden (V. 48), in diesem Zeitalter keine vollkommene Gemeinschaft herbeiführen, sondern vielmehr dem Leib Christi und seinem Bezeugen Schaden zufügen. Es wird immer auf einen herablassenden Umgang mit anderen in der Kirche hinauslaufen. Es wird zu massivem, andere verurteilendem Legalismus, das ist Gesetzlichkeit, führen, der weder Christi eigenes Wirken, noch Glauben und Hoffnung auf sein künftiges Reich, widerspiegelt.

Schliesslich bedeutet die uneinheitliche Prägung der Kirchengemeinschaft auch nicht, dass ein jeder an ihrer Führung mitwirken kann. Die Kirche ist von ihrem Wesen her nicht im eigentlichenSinne demokratisch geprägt, obwohl einige praktische Beratungen so geführt werden. Die Kirchenführung hat klare Kriterien zu erfüllen, die an zahlreichen Bibelstellen im Neuen Testament aufgeführt werden und in der frühen Christengemeinde, wie beispielsweise in der Apostelgeschichte dokumentiert, auch zur Anwendung kamen. Kirchenführung ist Ausdruck geistlicher Reife und Weisheit. Sie bedarf der Rüstung und muss, basierend auf der Heiligen Schrift, Reife in ihrer Beziehung zu Gott durch Christus ausstrahlen.Ihre praktische Umsetzung ist von einem aufrichtigen, freudigen und freien Wunsch getragen, in erster Linie Jesus Christus, durch Teilhabe an seinem fortdauernden Missionswerk, basierend auf Glauben, Hoffnung und Liebe, zu dienen.

Schliesslich aber, und das ist das Allerwichtigste, gründet sich die Kirchenführung auf eine von Christus über den Heiligen Geist ausgehende Berufung und deren Bestätigung durch andere, diesem Ruf bzw. dieser Einsetzung in einen besonderen Dienst zu folgen. Warum einige berufen sind und andere nicht, lässt sich nicht immer genau sagen. So mögen einige, denen aus Gnade weitreichende, geistliche Reife zuteil wurde, dennoch nicht dazu berufen worden sein, ein formelles, geweihtes Amt innerhalb der Kirchenführung zu bekleiden. Diese erfolgte oder nicht erfolgte Berufung durch Gott hat nichts mit deren göttlicher Akzeptanz zu tun. Vielmehr geht es dabei um die oft verborgene Weisheit Gottes. Jedoch hängt die Bestätigung ihrer Berufung unter Zugrundelegung der im Neuen Testament dargelegten Kriterien u.a. von ihrem Charakter, ihrem guten Ruf ab, sowie der Bewertung ihrer Bereitschaft und ihres Vermögens, die örtlichen Gemeindeglieder in ihrem Vertrauen auf Christus und ihrer immerwährenden, bestmöglichen Beteiligung an seiner Mission zu rüsten und zu ermutigen.

Hoffnungsfrohe Kirchenzucht und Urteilsvermögen

Das Leben zwischen den beiden Kommen Christi schliesst die Notwendigkeit einer angemessenen Kirchenzucht nicht aus, aber es muss sich um eine klug wahrnehmbare, geduldige, mitfühlende und überdies langmütige Zucht (liebevoll, stark, erzieherisch) handeln, die angesichts von Gottes Liebe allen Menschen gegenüber auch von Hoffnung für alle getragen ist. Sie wird es jedoch Gemeindegliedern nicht erlauben, ihre Glaubensbrüder und -schwestern zu drangsalieren (Hes 34), sondern vielmehr danach trachten, sie zu schützen. Sie wird den Mitmenschen Gastlichkeit, Gemeinschaft, Zeit und Raum zuteilwerden lassen, auf dass diese Gott suchen und nach dem Wesen seines Reiches trachten, Zeit zur Busse finden, Christus in sich aufnehmen und sich ihm im Glauben immer mehr zuneigen. Aber es wird Grenzen des Erlaubten geben, u.a. wenn es gilt, gegen andere Gemeindeglieder gerichtetem Unrecht nachzugehen und es einzudämmen.Wir sehen diese Dynamik im frühen Kirchenleben, wie es im Neuen Testament aufgezeichnet wurde, am Wirken. Die Apostelgeschichte und die Briefe des Neuen Testamentes bezeugen diese internationale Ausübung von Kirchenzucht. Sie erfordert eine kluge und einfühlsame Führung. Es wird jedoch nicht möglich sein, darin Vollkommenheit zu erlangen. Es muss dennoch danach gestrebt werden, weil die Alternativen Disziplinlosigkeit oder aber unbarmherzig verurteilender, selbstgerechter Idealismus Irrwege sind und Christus nicht gerecht werden.Christus nahm alle an, die zu ihm kamen, aber nie beliess er sie so, wie sie waren. Vielmehr wies er sie an, ihm nachzufolgen. Einige gingen darauf ein, andere nicht. Christus akzeptiert uns, wo immer wir stehen mögen, aber er tut dies, um uns zu seiner Nachfolge zu bewegen. Beim kirchlichen Wirken geht es um Empfangen und Willkommen Heissen, aber auch um die Führung und Disziplinierung derer, die bleiben, auf dass sie Busse tun, auf Christus vertrauen und ihm in seinem Wesen folgen. Obwohl als gleichsam letzte Option die Exkommunizierung, (der Ausschluss aus der Kirche) notwendig sein mag, sollte sie getragen sein von der Hoffnung, auf eine künftige Wiederaufnahme in die Kirche, wie uns Beispiele aus dem Neuen Testament(1. Kor 5,5; 2. Kor 2,5-7; Gal 6,1) belegen.

Die kirchliche Hoffnungsbotschaftin Christi fortdauerndem Wirken

Eine weitere Folge der Unterscheidung und Verknüpfung von Kirche und Reich Gottes ist darin zu sehen, dass die kirchliche Botschaft auch das fortdauernde Wirken Christi ansprechen muss und nicht nur sein vollendetes Werkam Kreuz. Das heisst, unsere Botschaft sollte darauf verweisen, dass alles, was Christus mit seinem Erlösungswerk vollbracht hat, in der Geschichte noch nicht die ganze Wirkkraft entfaltet hat. Sein irdisches Wirken hat imHier und Jetzt noch keine vollkommeneWelt hervorgebracht und war auch nicht so gedacht.Die Kirche stellt nicht die Realisierung von Gottes Ideal dar. Das Evangelium, das wir predigen, sollte Menschen nicht dazu verleiten, zu glauben, dieKirche sei das Reich Gottes, sein Ideal. Unsere Botschaft und unser Beispiel sollten ein Wort der Hoffnung im Hinblick auf das künftige Reich Christi einschliessen. Es sollte klar sein, dass die Kirche sich aus verschiedenartigen Menschen zusammensetzt. Menschen, die sich auf dem Weg befinden, die Busse tun und erneuert, sowie zu Glauben, Hoffnung und Liebe ertüchtigt werden. Die Kirche ist dabei der Verkünder jenes künftigen Reiches – jener Frucht, die von Christus, dem Gekreuzigten und Wiederauferstandenen selbst, zugesichert ist. Die Kirche besteht aus den Menschen, die im gegenwärtigen Reich Gottes dank der Gnade des Allmächtigen jeden Tag in der Hoffnung auf die zukünftige Vollendung vonChristi Herrschaft leben.

Im Hoffen auf das künftige Reich Gottes den Idealismus bereuen

Nur allzu viele vertreten die Auffassung, Jesus sei gekommen, um im Hier und Jetzt ein vollkommenes Volk Gottes bzw. eine vollkommene Welt herbeizuführen. Die Kirche selbst hat womöglich diesen Eindruck in dem Glauben hervorgerufen, es sei dies, was Jesus beabsichtigte. Es kann sein, dass weite Kreise der ungläubigen Welt das Evangelium ablehnen, weil die Kirche es nicht vermochte, die vollkommene Gemeinschaft bzw. Welt zu verwirklichen. Viele scheinen zu glauben, das Christentum stehe für eine bestimmte Ausgestaltung des Idealismus, um dann festzustellen, dass ein solcher Idealismus nicht verwirklicht wird. Folglich lehnen einige Christus und sein Evangelium ab, weil sie auf der Suche nach einem bereits bestehenden oder zumindest alsbald umzusetzenden Ideal sind und stellen fest, dass die Kirche dieses Ideal nicht bieten kann. Manche wollen dieses jetzt sofort oder aber gar nicht. Andere mögen Christus und sein Evangelium zurückweisen, weil sie gänzlich aufgegeben und bereits die Hoffnung auf alles und jeden einschliesslich der Kirche verloren haben. Manche haben vielleicht die Glaubensgemeinschaft verlassen, weil die Kirche ein Ideal nicht verwirklichte, von dem sie glaubten, Gott werde seinem Volk zu dessen Umsetzung verhelfen. Diejenigen, die dies annehmen – was einer Gleichsetzung der Kirche mit dem Reich Gottes gleichkommt –, werden folglich daraus schliessen, dass entweder Gott versagte (weil er vielleicht seinem Volk nicht genügend half) oder sein Volk (weil es sich möglicherweise nicht genügend bemühte). Wie dem auch sei, wurde das Ideal in beiden Fällen nicht erreicht, und so scheint es für viele keinen Grund zu geben, dieser Gemeinschaft weiterhin anzugehören.

Aber beim Christentum geht es nicht darum, ein vollkommenes Gottesvolk zu werden, das mit Hilfe des Allmächtigen eine vollkommene Gemeinschaft bzw. Welt realisiert. Diese verchristlichte Form des Idealismus beharrt darauf, dass wir das Ideal, das Gott seinem Volk wünscht, verwirklichen könnten, wenn wir nur wahrhaftig, aufrichtig, engagiert, radikal oder klug genug, in der Verfolgung unserer Ziele, wären. Da dies in der ganzen Geschichte der Kirche nie der Fall war, wissen die Idealisten auch genau, wer daran schuld ist– andere, „sogenannte Christen“. Letztendlich fällt die Schuld dann aber oft auf die Idealisten selbst zurück, die feststellen, dass auch sie das Ideal nicht zu erreichen vermögen. Wenn das eintritt, versinkt der Idealismus in Hoffnungslosigkeit und Selbstanklage. Die evangelikale Wahrheit verheisst, dass, dank der Gnade des Allmächtigen, die Segnungen des künftigen Reiches Gottes schon in diese gegenwärtige, böse Weltzeit Einzug halten. Weil das so ist, können wir schon jetzt davon profitieren, was Christus für uns getan hat und die Segnungen annehmen und geniessen, bevor sein Reich in Vollkommenheit verwirklicht wird. Das wichtigste Zeugnis, das für die Gewissheit des Eintretens dieses kommenden Reiches bürgt, sind Leben, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt des lebendigen Herrn. Er verhiess das Kommen seines künftigen Reiches und lehrte uns, jetzt in dieser gegenwärtigen, bösen Weltzeit lediglich einen Vorgeschmack, einen Vorschuss, die Erstlingsfrüchte, ein Erbe jenes kommenden Reiches zu erwarten. Wir müssen Hoffnung auf Christus und sein vollbrachtes und fortgeführtes Werk predigen und nicht christlichen Idealismus. Wir tun dies, indem wir den Unterschied zwischen Kirche und Reich Gottes herausstreichen, während wir zugleich deren Bezug aufeinander in Christus durch den Heiligen Geist und unsere Teilhabe als Zeugen – lebendige Zeichen und Gleichnisse seines künftigen Reiches – erkennen.

Zusammenfassend lässt sich der Unterschied zwischen Kirche und Reich Gottes, sowie ihre trotzdem bestehende Verknüpfung dahingehend deuten, dass die Kirche kein Objekt der Verehrung oder des Glaubens sein soll, denn das wäre Götzendienst. Sie verweist vielmehr von sich weg auf Christus und sein Missionswerk. Sie hat teil an jener Mission: indem sie mit Wort undTat von sich weg auf Christus weist,der uns in unserem Glaubensdienst leitet und uns in ihm zu neuen Geschöpfen macht, in der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, die nur dann Wirklichkeit werden, wenn Christus selbst, der Herr und Erlöser unseres Universums, wiederkehrt.

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft

Ein letztes Element, das uns hilft, das Reich Gottes und unsere Beziehung zu Christi Herrschaft zu verstehen, ist die Himmelfahrt unseres Herrn. Jesu irdisches Wirken fand nicht mit seiner Auferstehung ihr Ende, sondern mit seinerHimmelfahrt. Er verliess die irdischenGefilde und die gegenwärtige Weltzeit, um auf uns in anderer Weise einzuwirken – nämlich durch den Heiligen Geist. Dank des Heiligen Geistes ist er nicht fern. Er ist auf gewisse Weise gegenwärtig, auf gewisse Weise aber auch nicht.

Johannes Calvin pflegte zu sagen, Christus sei „auf eine Art gegenwärtig und auf eine Art auch nicht.“3 Jesus deutet auf seine Abwesenheit hin, die ihn auf gewisse Weise von uns trennt, indem er seinen Jüngern sagt, er werde fortgehen, um einen Ort vorzubereiten, an den sie ihm noch nicht folgen könnten. Er werde mit dem Vater auf eine Weise zusammen sein, wie er es während seiner Zeit auf Erden nicht vermochte (Joh 8,21; 14,28). Er weiss, dass seine Jünger dies als Rückschlag empfinden mögen, weist sie jedoch an, es als Fortschritt und somit ihnen dienlich zu betrachten, selbst wenn damit noch nicht das zukünftige, ultimative und vollkommene Wohl gegeben ist. Der Heilige Geist, der ihnen gegenwärtig war, werde weiterhin bei ihnen sein und ihnen innewohnen (Joh 14,17). Jesus verheisst jedoch auch, dass er zurückkehren werde und zwar auf dieselbe Weise, wie er die Welt verliess – in Menschengestalt, körperlich, sichtbar (Apg 1,11). Seine gegenwärtige Abwesenheit kommt dem noch nicht vollendeten Reich Gottes gleich, das somit auch gleichsam noch nicht in Vollkommenheit präsent ist. Die gegenwärtige, böse Weltzeit befindet sich in einem Stadium des Vergehens, des Aufhörens zu bestehen (1. Kor7,31; 1. Joh 2,8; 1. Joh 2,1).Alles unterliegt gegenwärtig dem Prozess der Überantwortung der Macht an den regierenden König. Wenn Jesus jene Phase seines fortdauernden, geistlichen Wirkens beendet, wird er wiederkehren und seine Weltherrschaft wird vollkommen sein. Alles, was er ist und was er getan hat, wird dann jedermann offen vor Augen stehen. Alles wird sich ihm gegenüber beugen, und jeder wird die Wahrheit und die Realität dessen, wer er ist, anerkennen (Phil 2,10). Erst dann wird sein Werk in seiner Ganzheit offenbar werden.Somit deutet seine Entrücktheit auf etwas Wichtiges hin, das mit der übrigen Lehre im Einklang steht. Während er nicht auf Erden ist, wird das Reich Gottes nicht überall anerkannt werden. Auch Christi Herrschaft wird nicht in vollem Umfang offenbar werden, sondern weitgehend verborgen bleiben. Viele Aspekte der gegenwärtigen, sündigen Weltzeit werden weiterhin zum Tragen kommen, sogar zu Lasten jener, die sich als die Seinen, die Christus angehören, ausweisen und sein Reich sowie sein Königtum anerkennen. Leid, Verfolgung, Böses – sowohl moralisch (von Menschenhand verübt) als auch natürlich (infolge der Sündhaftigkeit alles Seins selbst) – wird fortdauern. Das Böse wird in einem Masse bleiben, dass es vielen so erscheinen mag, als habe Christus nicht den Sieg davongetragen und sein Reich stünde nicht über allem.

Jesu eigene Gleichnisse über das Reich Gottes weisen darauf hin, dass wir im Hier und Jetzt unterschiedlich auf das gelebte, geschriebene und gepredigte Wort reagieren. Die Saat des Wortes geht manchmal nicht auf, während sie anderenorts auf fruchtbaren Boden fällt. Der Acker der Welt trägt sowohl Weizen als auch Unkraut. In den Netzen finden sich gute und schlechte Fische. Die Kirche wird verfolgt, und die Gesegneten in ihrer Mitte lechzen nach Gerechtigkeit und Frieden, sowie einer klaren Vision Gottes. Jesus steht nach seinem Fortgang nicht die Manifestation einer vollkommenen Welt vor Augen. Vielmehr ergreift er Massnahmen, die in seiner Nachfolge Stehenden darauf vorzubereiten, dass sein Sieg und Erlösungswerk erst dereinst in der Zukunft vollkommen offenbar werden.Das heisst, dass ein wesentliches Charakteristikum des Kirchenlebens in einem Leben in Hoffnung besteht. Nichtaber in der fehlgeleiteten Hoffnung (eigentlich Idealismus), dass wir mit nur ein wenig mehr (oder viel) Anstrengung einiger weniger (oder vieler), das Ideal hervorbringen, dem Reich Gottes Geltung zu verschaffen oder es nach und nach entstehen zu lassen. Die gute Nachricht ist vielmehr die, dass Christus zu gegebener Zeit – genau zum richtigen Zeitpunkt – in ganzer Herrlichkeit und mit aller Macht wiederkehren wird. Dann wird sich unsere Hoffnung bewahrheiten. Jesus Christus wird Himmel und Erde neu erstehen lassen, ja alles wird er neu machen. Christi Himmelfahrt erinnert uns schliesslich daran, nicht zu erwarten, dass er und seine Herrschaft vollkommen offenbar werden, sondern gleichsam in einiger Entfernung im Verborgenen bleiben. Seine Himmelfahrt verweist uns auf die Notwendigkeit, weiterhin auf Christus und die künftige Umsetzung dessen zu hoffen, was er in seinem Wirken auf Erden auf den Weg gebracht hat. Sie erinnert uns daran, abzuwarten und getragen von freudiger Zuversicht, Christi Wiederkunft entgegenzusehen, die mit der Offenbarwerdung der ganzen Fülle seines Erlösungswerkes als Herr aller Herren und König aller Könige, als Erlöser aller Schöpfung einhergehen wird.

von Dr. Gary Deddo

1 Die folgenden Ausführungen verdanken wir in weiten Teilen Ladds Auseinandersetzung mit dem Thema in A Theology of the New Testament, S. 105-119.
2 Ladd S. 111-119.
3 Calvins Kommentar zum 2. Korintherbrief 2,5.


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