Das Wesen der Gnade

374 das wesen der gnadeManchmal kommen mir Bedenken zu Ohren, wir würden die Gnade zu sehr in den Vordergrund stellen. Als empfohlenes Korrektiv wird dann vorgebracht, wir könnten doch gleichsam als Gegengewicht zur Lehre von der Gnade die des Gehorsams, der Gerechtigkeit und anderer Pflichten, die in der Heiligen Schrift und insbesondere im Neuen Testament Erwähnung finden, berücksichtigen. Wer sich angesichts „zu viel gewährter Gnade“ Sorgen macht, hegt durchaus berechtigte Bedenken. Leider lehren einige, dass es irrelevant sei, wie wir leben, wenn wir doch aus Gnade und nicht durch Werke errettet werden. Für sie ist Gnade gleichbedeutend damit, keine Verpflichtungen, Regeln oder erwartungsgerechten Beziehungsmuster zu kennen. Für sie bedeutet Gnade, dass so ziemlich alles Akzeptanz findet, da ja ohnehin alles im Vorhinein vergeben ist. Diesem Irrglauben gemäss ist Gnade ein Freifahrtschein – gewissermassen eine Blankovollmacht, tun zu können, was man will.

Antinomismus

Als Antinomismus bezeichnet man eine Lebensform, die ein Leben ohne oder gegen jegliche Gesetze oder Regeln propagiert. Die ganze Kirchengeschichte hindurch war dieses Problem Gegenstand von Schrift und Predigt. Dietrich Bonhoeffer, ein Märtyrer des Naziregimes, sprach in seinem Buch Nachfolge in diesem Zusammenhang von „billiger Gnade“. Im Neuen Testament wird der Antinomismus angesprochen. Paulus bezog sich in seiner Entgegnung auf die Anschuldigung, seine Hervorhebung der Gnade ermuntere die Menschen, „in der Sünde [zu] beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde“ (Röm 6,1). Die Antwort des Apostels fiel kurz und nachdrücklich aus: „Das sei ferne!“ (V.2). Wenige Sätze später wiederholt er den gegen ihn vorgebrachten Vorwurf und antwortet darauf: „Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!“ (V.15).

Die Antwort des Apostels Paulus auf den Vorwurf des Antinomismus war eindeutig. Wer argumentiert, Gnade bedeute, alles sei erlaubt, weil es ja vom Glauben her abgedeckt sei, irrt. Aber warum? Was ist da falsch gelaufen? Liegt das Problem wirklich bei „zu viel Gnade“? Und besteht seine Lösung tatsächlich darin, ebenjener Gnade irgendein Gegengewicht gegenüberzustellen?

Welches ist das wahre Problem?

Das wahre Problem liegt darin, zu glauben, Gnade bedeute, Gott mache eine Ausnahme, was die Einhaltung einer Regel, eines Gebots oder einer Verpflichtung anbelangt. Wenn Gnade tatsächlich das Gewähren von Regelausnahmen implizierte, ja dann würden mit viel Gnade gleichermassen viele Ausnahmen einhergehen. Und wenn man Gott Allbarmherzigkeit nachsagt, dann könnten wir erwarten, dass er für jede uns obliegende Verpflichtung oder Aufgabe eine Ausnahmeregelung bereit hält. Je mehr Gnade desto mehr Ausnahmen, was Gehorsam anbelangt. Und je weniger Gnade, umso weniger eingeräumte Ausnahmen, ein netter, kleiner Deal.

Ein derartiges Schema beschreibt vielleicht am treffendsten, was menschliche Gnade bestenfalls vermag. Aber vergessen wir nicht, dass dieser Ansatz Gnade an Gehorsam misst. Er rechnet beide gegeneinander auf, wobei es zu einem steten Hin-und-Her-Gezerre kommt, bei dem nie Ruhe einkehrt, weil ja beide im Kampf miteinander stehen. Beide Seiten machen der jeweils anderen den Erfolg zunichte. Aber glücklicherweise spiegelt ein derartiges Schema nicht die von Gott geübte Gnade wider. Die Wahrheit in Bezug auf die Gnade befreit uns aus diesem falschen Dilemma.

Gottes Gnade in Person

Wie definiert die Bibel Gnade? «Jesus Christus selbst steht für Gottes Gnade uns gegenüber». Der Segen Paulus‘ am Ende des 2. Korintherbriefs verweist auf „die Gnade unseres Herrn Jesus Christus“. Gnade lässt uns Gott aus freien Stücken in Gestalt seines Fleisch gewordenen Sohnes zuteilwerden, der uns seinerseits gnädig Gottes Liebe übermittelt und uns mit dem Allmächtigen aussöhnt. Was Jesus uns gegenüber widerfahren lässt, offenbart uns Wesen und Charakter des Vaters und des Heiligen Geistes. Die Heilige Schrift offenbart uns, dass Jesus der getreue Abdruck von Gottes Wesen ist (Hebr 1,3 Elberfelder Bibel). Dort heisst es, „er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ und es habe „Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte“ (Kol 1,15;19). Wer ihn sieht, der sieht den Vater, und wenn wir ihn erkennen, werden wir auch den Vater erkennen (Joh 14,9;7).

Jesus erläutert, dass er lediglich tue, „was er den Vater tun sieht“ (Joh 5,19). Er lässt uns wissen, dass nur er den Vater kenne und nur er allein ihn offenbare (Mt 11,27). Johannes berichtet uns, dass dieses Wort Gottes, das von Anbeginn mit Gott existiert hat, Menschengestalt annahm und uns „eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater [zeigte], „voller Gnade und Wahrheit“. Während „das Gesetz [...] durch Mose gegeben [ist]; [ist] die Gnade und Wahrheit [...] durch Jesus Christus geworden.“ In der Tat, „von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Und sein Sohn, der von ewigen Zeiten an im Herzen Gottes weilt, „hat ihn uns verkündigt“ (Joh 1,14-18).

Jesus verkörpert Gottes Gnade uns gegenüber – und er offenbart in Wort und Tat, dass Gott selbst voller Gnade ist. Er selbst ist Gnade. Er schenkt sie uns aus seinem Wesen – demselben, dem wir in Jesus begegnen. Er beschenkt uns weder aus Abhängigkeit uns gegenüber, noch aufgrund irgendeiner Verpflichtung uns gegenüber, uns Wohltaten zukommen zu lassen. Gott schenkt aufgrund seines freigebigen Wesens Gnade, d.h. er schenkt sie uns in Jesus Christus aus freien Stücken. Paulus nennt die Gnade in seinem Brief an die Römer ein freigebiges Geschenk Gottes (5,15-17; 6,23). In seinem Brief an die Epheser verkündet er in einprägsamen Worten: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich niemand rühme“ (2,8-9).

Alles, was Gott uns zuteilwerden lässt, schenkt er uns grossherzig aus Güte, aus dem tief empfundenen Wunsch heraus, einem jeden Geringeren, von ihm Unterschiedenen, Gutes zu tun. Seine Gnadenakte entspringen seinem gütigen, freigebigen Wesen. Er hört nicht auf, uns aus freien Stücken an seiner Güte teilhaben zu lassen, selbst wenn er damit auf Widerstand, Auflehnung und Ungehorsam aufseiten seiner Schöpfung stösst. Auf Sünde reagiert er mit uns aus freien Stücken entgegengebrachter Vergebung und Aussöhnung, die uns kraft des Sühneopfers seines Sohnes zuteilwird. Gott, der Licht ist und in dem keine Finsternis wohnt, gibt sich uns in seinem Sohn durch den Heiligen Geist selbst freiwillig hin, damit uns Leben in seiner ganzen Fülle gegeben sei (1 Joh 1,5; Joh 10,10).

War Gott schon immer gnädig?

Leider wurde oft dargelegt, dass Gott ursprünglich (noch vor dem Sündenfall) zusagte, seine Güte (Adam und Eva sowie später Israel) nur dann zu gewähren, wenn seine Schöpfung bestimmte Bedingungen erfüllt und Verpflichtungen nachkommt, die er ihr auferlegt. Wenn sie dem nicht entspräche, würde auch er sich ihr gegenüber nicht sehr gütig erweisen. So würde er ihr keine Vergebung und kein ewiges Leben zuteilwerden lassen.

Nach dieser falschen Sichtweise steht Gott mit seiner Schöpfung in einer vertraglichen „Wenn ..., dann ...“-Beziehung. Jener Vertrag beinhaltet dann Bedingungen bzw. Verpflichtungen (Regeln oder Gesetze), welche die Menschheit einhalten muss, um empfangen zu können, was Gott ihr anträgt. Dieser Auffassung zufolge steht für den Allmächtigen an erster Stelle, dass wir die von ihm aufgestellten Regeln einhalten. Wenn wir diesen nicht gerecht werden, wird er uns sein Bestes vorenthalten. Schlimmer noch, er wird uns zuteilwerden lassen, was nicht gut ist, was nicht zum Leben, sondern zum Tod führt; jetzt und in Ewigkeit.

Diese falsche Sichtweise betrachtet das Gesetz als wichtigstes Attribut von Gottes Wesen und somit auch als wichtigsten Aspekt von seiner Beziehung zu seiner Schöpfung. Dieser Gott ist im Wesentlichen ein Vertragsgott, der mit seiner Schöpfung in einer von Gesetzen und Bedingungen getragenen Beziehung steht. Er führt diese Beziehung nach dem „Herr und Sklave“-Prinzip. Nach dieser Auffassung  ist Gottes Freigebigkeit, was seine Güte und Segnungen einschliesslich der Vergebung anbelangt, weit vom Wesen jenes von ihr propagierten Gottesbildes entfernt.

Gott steht grundsätzlich nicht für puren Willen bzw. reine Gesetzlichkeit. Das wird besonders deutlich, wenn wir Jesus betrachten, der uns den Vater zeigt und den Heiligen Geist schickt. Dies wird deutlich, wenn wir von Jesus über seine ewige Beziehung zu seinem Vater und dem Heiligen Geist hören. Er lässt uns wissen, dass sein Wesen und Charakter mit dem des Vaters identisch ist. Die Vater-Sohn-Beziehung ist eben nicht von Regeln, Verpflichtungen oder der Erfüllung von Bedingungen geprägt, um auf diesem Wege Nutzniessen zu erzielen. Vater und Sohn stehen nicht in einer Rechtsbeziehung zueinander. Sie haben keinen Vertrag untereinander abgeschlossen, nach dem bei Nichteinhaltung von einer Seite die andere gleichermassen zur Nichterfüllung berechtigt ist. Der Gedanke einer vertraglichen, gesetzesbasierten Beziehung zwischen Vater und Sohn ist absurd. Die Wahrheit, wie sie uns durch Jesus offenbart wurde, lautet, dass ihre Beziehung von heiliger Liebe, Treue, Selbsthingebung und gegenseitiger Verherrlichung geprägt ist. Jesu Gebet, wie wir es in Kapitel 17 des Johannesevangeliums lesen, macht auf eindringliche Weise deutlich, dass jene dreieinige Beziehung Grundlage und Quelle für Gottes Handeln in jeder Beziehung ist; denn er handelt stets gemäss seiner selbst, weil er sich treu ist.

Bei aufmerksamem Studium der Heiligen Schrift wird deutlich, dass Gottes Beziehung zu seiner Schöpfung, selbst nach dem Sündenfall mit Israel, keine vertraglich gebundene ist: Sie ist nicht auf einzuhaltende Bedingungen gebaut. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass Gottes Beziehung zu Israel nicht grundsätzlich gesetzesbasiert war, eben kein Wenn-dann-Vertrag. Dessen war sich auch Paulus im Klaren. Des Allmächtigen Beziehung zu Israel nahm mit einem Bund, einem Versprechen, ihren Anfang. Das Gesetz Moses (die Thora) trat 430 Jahre nach Einführung des Bundes in Kraft. Hat man die Zeitleiste vor Augen, war das Gesetz wohl kaum als Grundlage für Gottes Beziehung zu Israel zu betrachten.
Im Rahmen des Bundes bekannte sich Gott aus freien Stücken und mit seiner ganzen Güte zu Israel. Und wie Sie sich erinnern werden, hatte dies nichts damit zu tun, was Israel selbst Gott zu bieten vermochte (5. Mo 7,6-8). Vergessen wir nicht, dass Abraham Gott nicht kannte, als dieser ihm zusicherte, ihn zu segnen und ihn zu einem Segen aller Völker werden zu lassen (1. Mo 12,2-3). Ein Bund ist ein Versprechen: Er wird aus freien Stücken gewählt und ebenso gewährt. „Ich will euch annehmen zu meinem Volk und will euer Gott sein“, sprach der Allmächtige zu Israel (2. Mo 6,7). Gottes Segensschwur war einseitig, er kam allein von seiner Seite. Er ging den Bund als Ausdruck seiner ihm eigenen Natur, seines Charakters und Wesens ein. Seine Schliessung mit Israel war ein Akt der Gnade – ja, der Gnade!

Betrachtet man die ersten Kapitel der Genesis nochmals eingehend, so wird deutlich, dass Gott mit seiner Schöpfung nicht gemäss einer Art vertraglichem Übereinkommen verkehrt. Zunächst einmal war die Schöpfung selbst ein Akt freiwilligen Schenkens. Es gab nichts, was das Recht auf Existenz, weit weniger noch guter Existenz verdiente. Gott selbst erklärt: „Und es war gut“, ja, „sehr gut“. Gott lässt seine Güte aus freien Stücken seiner Schöpfung, die ihm weit unterlegen ist, zugutekommen; er schenkt ihr Leben. Eva war Gottes Geschenk der Güte Adam gegenüber, auf dass dieser nicht länger allein sei. Gleichermassen schenkte der Allmächtige Adam und Eva den Garten Eden und machte es ihnen zur einträglichen Aufgabe, ihn so zu pflegen, dass er fruchtbar werde und Leben in Hülle und Fülle abwerfe. Adam und Eva erfüllten keinerlei Bedingungen, bevor ihnen diese guten Gaben von Gott aus freien Stücken zuteil- wurden.

Wie war es aber nach dem Sündenfall, als der Frevel Einzug hielt? Es zeigt sich, dass Gott weiterhin seine Güte freiwillig und bedingungslos walten lässt. War nicht sein Ansinnen, Adam und Eva nach ihrem Ungehorsam die Möglichkeit der Busse zu geben, ein Akt der Gnade? Bedenken Sie auch, wie Gott ihnen Felle zur Bekleidung bereitstellte. Selbst ihre Verstossung aus dem Garten Eden war ein Akt der Gnade, der sie davon abhalten sollte, sich in ihrer Sündhaftigkeit vom Baum des Lebens zu bedienen. Auch Gottes Schutz und Vorsehung Kain gegenüber kann nur im selben Licht betrachtet werden. Auch im Schutz, den er Noah und seiner Familie angedeihen liess, sowie in der Zusicherung in Gestalt des Regenbogens, sehen wir Gottes Gnade. Alle diese Gnadenakte sind freiwillig gewährte Geschenke im Zeichen der Güte Gottes. Keiner von ihnen ist Lohn für die Erfüllung wie auch immer gearteter, selbst kleiner, rechtlich bindender vertraglicher Verpflichtungen.

Gnade als unverdientes Wohlwollen?

Gott lässt seine Schöpfung stets aus freien Stücken an seiner Güte teilhaben. Er tut dies ewiglich aus seinem innersten Wesen heraus als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Alles, was diese Trinität an der Schöpfung offenbar werden lässt, geschieht aus dem Überfluss ihrer Binnengemeinschaft heraus. Eine gesetzlich und vertraglich basierte Beziehung zu Gott würde dem dreieinigen Schöpfer und Urheber des Bundes nicht die Ehre erweisen, sondern sie zu einem reinen Idol machen. Idole treten stets in vertragliche Beziehungen zu jenen, die ihren Hunger nach Anerkennung stillen, weil sie ihrer Anhänger ebenso bedürfen wie diese ihrer. Beide sind voneinander abhängig. Deshalb ziehen sie gegenseitig Nutzen für ihre eigennützigen Ziele. Das Körnchen Wahrheit, das der Redensart innewohnt, Gnade sei Gottes unverdientes Wohlwollen, ist einfach, dass wir sie nicht verdienen.

Die Güte Gottes überwindet das Böse

Gnade kommt nicht erst im Fall von Sünde als Ausnahme von irgendeinem Gesetz oder einer Verpflichtung ins Spiel. Gott ist unabhängig von der faktischen Gegebenheit der Sünde gnädig. Mit anderen Worten bedarf es nicht nachweislicher Sündhaftigkeit, damit er Gnade walten lässt. Vielmehr besteht seine Gnade auch dann fort, wenn Sünde vorliegt. Es trifft deshalb zu, dass Gott nicht aufhört, seiner Schöpfung seine Güte aus freien Stücken zuteilwerden zu lassen, selbst wenn diese sie nicht verdient. Er schenkt ihr dann freiwillig Vergebung zum Preis seines eigenen, Aussöhnung bringenden Sühneopfers.

Auch wenn wir sündigen, bleibt Gott treu, weil er sich selbst nicht verleugnen kann, so wie es bei Paulus heisst „[...] sind wir untreu, so bleibt er doch treu“ (2. Tim 2,13). Da Gott sich selbst gegenüber stets wahrhaftig bleibt, bringt er uns auch dann seine Liebe entgegen und hält an seinem heiligen Plan für uns fest, selbst wenn wir dagegen aufbegehren. Diese Beständigkeit uns gewährter Gnade zeigt, wie ernst es Gott ist, sich seiner Schöpfung gegenüber gut zu erweisen. „Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben [...] Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm 5,6;8). Der besondere Charakter der Gnade wird gerade da umso deutlicher spürbar, wo er die Finsternis erhellt. Und so sprechen wir von Gnade meist im Zusammenhang von Sündhaftigkeit.

Gott ist ungeachtet unserer Sündhaftigkeit gnädig. Er erweist sich seiner Schöpfung gegenüber als getreulich gut und hält an seiner verheissungsvollen Bestimmung für sie fest. Wir können dies in vollem Umfang an Jesus erkennen, der sich in der Vollendung seines Sühnewerks von keiner Kraft des sich gegen ihn erhebenden Bösen abbringen lässt. Die Kräfte des Bösen können ihn nicht daran hindern, sein Leben für uns dahinzugeben, auf dass wir leben können. Weder Schmerz noch Leid oder schwerste Demütigung konnten ihn davon abhalten, seiner heiligen, von Liebe getragenen Bestimmung zu folgen und die Menschen mit Gott auszusöhnen. Gottes Güte fordert nicht, Böses möge sich zu Gutem kehren. Aber wenn es um das Böse geht, weiss die Güte genau, was es zu tun gilt: Es gilt, es zu überwinden, zu besiegen und bezwingen. Zu viel Gnade gibt es also nicht.

Gnade: Gesetz und Gehorsam?

Wie betrachten wir bezüglich der Gnade das alttestamentliche Gesetz sowie den christlichen Gehorsam im Neuen Bund? Wenn wir uns noch einmal vor Augen führen, dass Gottes Bund ein einseitiges Versprechen darstellt, ergibt sich die Antwort fast von selbst. Ein Versprechen ruft eine Reaktion aufseiten dessen hervor, dem gegenüber es gemacht wurde. Das Halten des Versprechens ist jedoch nicht von dieser Reaktion abhängig. Es gibt in diesem Zusammenhang lediglich zwei Möglichkeiten: an das Versprechen voller Gottvertrauen zu glauben oder nicht. Das Gesetz Moses (die Thora) legte Israel gegenüber in deutlichen Worten dar, was es bedeutet, auf Gottes Bund in dieser vor der ultimativen Einlösung des von ihm gegebenen Versprechens (also vor dem Erscheinen Jesu Christi) liegenden Phase zu vertrauen. In seiner Gnade offenbarte der Allmächtige Israel, welchen Lebenswandel es innerhalb seines Bundes (dem Alten Bund) führen sollte.

Die Thora war Israel von Gott als freizügige Gabe entgegengebracht worden. Sie sollte ihnen helfen. Paulus nennt sie einen „Erzieher“ (Gal 3,24-25; Menge-Bibel). So sollte sie als wohlwollende Gnadengabe des Allmächtigen Israel gegenüber betrachtet werden. Das Gesetz wurde im Rahmen des Alten Bundes erlassen, der in seiner Verheissungsphase (in Erwartung seiner Erfüllung in der Gestalt Christi im Neuen Bund) ein Gnadenpakt war. Es sollte der von Gott aus freien Stücken gewährten Bestimmung des Bundes dienen, Israel zu segnen und es zum Wegbereiter der Gnade für alle Völker zu machen.

Der sich selbst treu bleibende Gott will dieselbe nicht vertragsgebundene Beziehung auch mit den Menschen im Neuen Bund führen, der in Jesus Christus seine Erfüllung fand. Er lässt uns alle Segensgaben seines Sühne und Aussöhnung schenkenden Lebens, seines Todes, seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt zuteilwerden. Uns werden alle Wohltaten seines künftigen Reiches angetragen. Darüber hinaus wird uns das Glück angedient, dass der Heilige Geist in uns wohne. Aber das Angebot dieser Gnadengaben im Neuen Bund fragt nach einer Reaktion – eben jener Reaktion, die auch Israel hätte an den Tag legen sollen: Glauben (Vertrauen). Aber im Rahmen des Neuen Bundes vertrauen wir vielmehr auf dessen Erfüllung als auf dessen Verheissung.

Unsere Reaktion auf Gottes Güte?

Wie sollte unsere Reaktion auf die uns entgegengebrachte Gnade aussehen? Die Antwort lautet: «Ein Leben im Vertrauen auf die Verheissung». Das ist mit einem „Leben im Glauben“ gemeint. Beispiele eines solchen Lebenswandels finden wir bei den „Heiligen“ des Alten Testaments (Hebr. 11). Es hat Folgen, wenn man nicht im Vertrauen auf den verheissenen bzw. verwirklichten Bund lebt. Mangelndes Vertrauen auf den Bund und seinen Urheber beschneidet uns seines Nutzniessens. Israels fehlendes Vertrauen brachte es um seine Lebensquelle – seine Nahrung, sein Wohl und seine Fruchtbarkeit. Misstrauen stand seiner Beziehung zu Gott so sehr im Wege, dass ihm die Teilhabe an so ziemlich allen Gnadengaben des Allmächtigen versagt blieb.

Gottes Bund ist, wie Paulus uns erklärt, unwiderruflich. Warum? Weil der Allmächtige getreulich an ihm festhält und ihn aufrechterhält, auch wenn es ihn teuer zu stehen kommt. Gott wird nie von seinem Wort abrücken; er kann nicht gezwungen werden, sich seiner Schöpfung bzw. seinem Volk gegenüber wesensfremd zu verhalten. Selbst mit unserem mangelnden Vertrauen auf die Verheissung können wir ihn nicht dazu bringen, sich selbst gegenüber untreu zu werden. Das ist gemeint, wenn davon die Rede ist, Gott handle „um seines Namens willen“.

Allen Weisungen und Geboten, die mit ihm verknüpft sind, gilt es im Glauben an Gottes, uns aus freien Stücken gewährter Güte und Gnade, Gehorsam zu leisten. Jene Gnade fand ihre Erfüllung in der Hingabe und Offenbarung Gottes selbst in Jesus. Um Gefallen an ihnen zu finden, gilt es, die Gnadengaben des Allmächtigen anzunehmen und sie weder zurückzuweisen noch zu ignorieren. Die Weisungen (Gebote), die wir im Neuen Testament vorfinden, sagen aus, was es für das Volk Gottes nach der Stiftung des Neuen Bundes bedeutet, Gottes Gnade zu empfangen und auf sie zu vertrauen.

Worin liegen die Wurzeln des Gehorsams?

Wo finden wir also die Quelle des Gehorsams? Sie entspringt dem Vertrauen auf Gottes Treue gegenüber den Zielsetzungen seines Bundes, wie sie in Jesus Christus verwirklicht wurden. Die einzige Form des Gehorsams, an der Gott liegt, ist der Glaubens gehorsam, der sich im Glauben an des Allmächtigen Beständigkeit, Worttreue und Treue sich selbst gegenüber manifestiert (Röm 1,5; 16,26). Gehorsam ist unsere Antwort auf seine Gnade. Paulus lässt diesbezüglich keinen Zweifel aufkommen – das wird insbesondere an seiner Aussage deutlich, dass die Israeliten nicht daran scheiterten, bestimmten gesetzlichen Auflagen der Thora zu entsprechen, sondern daran, dass sie „den Weg des Glaubens abwiesen und meinten, ihre Gehorsamsleistungen müssten sie ans Ziel bringen“ (Röm 9,32; Gute Nachricht Bibel). Der Apostel Paulus, ein gesetzestreuer Pharisäer, erkannte die frappierende Wahrheit, dass Gott nie wollte, dass er aus sich heraus Gerechtigkeit erlangte, indem er das Gesetz hielt. Verglichen mit der Gerechtigkeit, die Gott gewillt war, ihm aus Gnade zuteilwerden zu lassen, verglichen mit seiner Teilhabe an Gottes eigener Gerechtigkeit, die ihm durch Christus gegeben war, wäre sie (um noch das Geringste zu sagen!) als wertloser Dreck zu betrachten (Phil 3,8-9).

Über alle Zeiten war es Gottes Wille, seine Gerechtigkeit mit seinem Volk als Gnadengabe zu teilen. Warum? Weil er gnädig ist (Phil 3,8-9). Wie also erlangen wir dieses, uns aus freien Stücken angetragene Geschenk? Indem wir diesbezüglich auf Gott vertrauen und seinem Versprechen, es uns zuteilwerden zu lassen, Glauben schenken. Der Gehorsam, den Gott uns üben sehen will, speist sich aus Glauben, Hoffnung und Liebe ihm gegenüber. Die Aufforderungen, Gehorsam zu üben, die uns in der ganzen Heiligen Schrift begegnen, sowie die Gebote, die wir innerhalb des Alten und Neuen Bundes vorfinden, entspringen der Gnade. Wenn wir den Verheissungen Gottes Glauben schenken und darauf vertrauen, dass sie in Christus und sodann in uns Verwirklichung finden, werden wir ihnen gemäss als tatsächlich wahr und wahrhaftig leben wollen. Ein Leben in Ungehorsam ist nicht auf Vertrauen gegründet bzw. sperrt sich vielleicht (noch) dagegen, anzunehmen, was ihm verheissen ist. Lediglich ein Glaube, Hoffnung und Liebe entspringender Gehorsam verherrlicht Gott; denn nur diese Form des Gehorsams legt Zeugnis darüber ab, wer Gott, wie er uns in Jesus Christus offenbart wurde, wirklich ist.

Der Allmächtige wird sich uns gegenüber weiterhin gnädig erweisen, ob wir nun seine Gnade annehmen oder uns ihr gegenüber verweigern. Seine Güte spiegelt sich zweifelsfrei teilweise schon darin wider, dass er auf unseren Widerstand seiner Gnade gegenüber nicht eingeht. So zeigt sich Gottes Zorn, indem er unserem „Nein“ ihm gegenüber seinerseits ein „Nein“ entgegensetzt, um auf diese Weise sein uns in Gestalt Christi gewährtes „Ja“ zu bekräftigen (2. Kor 1,19). Und des Allmächtigen „Nein“ ist ebenso mächtig wirksam wie sein „Ja“, weil es Ausdruck seines „Jas“ ist.

Keine Ausnahmen von der Gnade!

Es ist wichtig zu erkennen, dass Gott keine Ausnahmen macht, was seine höheren Ziele und heiligen Bestimmungen für sein Volk anbelangt. Aufgrund seiner Treue wird er uns nicht aufgeben. Er liebt uns vielmehr in Vollkommenheit – in der Vollkommenheit seines Sohnes. Gott will uns verherrlichen, auf dass wir ihm mit jeder Faser unseres Ichs vertrauen und ihn lieben und dies auch in unserem von seiner Gnade getragenen Lebenswandel in Vollkommenheit ausstrahlen. Damit tritt unser ungläubiges Herz in den Hintergrund, und unser Leben spiegelt unser Vertrauen auf Gottes, aus freien Stücken gewährte Güte in reinster Form, wider. Seine vollkommene Liebe wird uns ihrerseits Liebe in Vollkommenheit schenken, indem sie uns absolute Rechtfertigung und letztendlich Verherrlichung zuteilwerden lässt. „der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu“ (Phil 1,6).

Wäre Gott uns gegenüber gnädig, um uns dann letztendlich gleichsam unvollkommen zurückzulassen? Wie wäre es, wenn im Himmel nur noch Ausnahmen die Regel stellten – wenn ein Mangel an Glauben hier, eine Lieblosigkeit da, ein wenig Unversöhnlichkeit hier und ein bisschen Verbitterung und Groll da, ein wenig Missgunst hier und ein bisschen Selbstüberheblichkeit da nichts ausmachten? Welchen Zustand hätten wir dann? Nun, einen, der dem im Hier und Jetzt gliche, aber für immer fortbestünde! Wäre Gott tatsächlich barmherzig und gütig, wenn er uns in einem derartigen „Ausnahmezustand“ ewiglich beliesse? Nein! Letztendlich lässt Gottes Gnade keine Ausnahmeregelungen zu – weder hinsichtlich seiner obwaltenden Gnade selbst, noch bezüglich der Herrschaft seiner göttlichen Liebe und seines von Wohlwollen geprägten Willens; denn sonst wäre er nicht gnädig.

Was können wir jenen entgegnen, die Gottes Gnade missbrauchen?

Indem wir Menschen die Nachfolge Jesu nahebringen, sollten wir sie lehren, Gottes Gnade zu verstehen und zu empfangen, anstatt sie zu verkennen und sich ihr aus Stolz zu widersetzen. Wir sollten ihnen helfen, in der Gnade, die Gott ihnen im Hier und Jetzt entgegenbringt, zu leben. Wir sollten sie erkennen lassen, dass der Allmächtige unabhängig ihres Tuns seiner selbst und seinem ihrem Guten verpflichteten Ziel treu sein wird. Wir sollten sie in der Erkenntnis stärken, dass Gott eingedenk seiner Liebe zu ihnen, seiner Barmherzigkeit, seines ihm eigenen Wesens und seiner sich selbst gesetzten Zweckbestimmung jeglichem Widerstand gegenüber seiner Gnade unbeugsam gegenüberstehen wird. Das führt dazu, dass wir eines Tages alle der Gnade in ganzer Fülle teilhaftig werden und ein von seiner Barmherzigkeit getragenes Leben führen können. So werden wir voller Freude die damit verbundenen „Verpflichtungen“ eingehen – ganz im Wissen um das Privileg, ein Kind Gottes in Jesus Christus, unserem älteren Bruder, zu sein.

von Dr. Gary Deddo


pdfDas Wesen der Gnade