Christus ist hier!

Eine meiner Lieblingsgeschichten stammt vom berühmten russischem Schriftsteller Leo Tolstoi. Er schrieb über einen verwitweten Schuhmacher namens Martin, der eines Nachts träumte, Christus würde am folgenden Tag seine Werkstatt besuchen. Martin war tief berührt und wollte sicherstellen, dass er nicht wie der Pharisäer sein würde, der es versäumte, Jesus an der Tür zu begrüssen. So stand er noch vor Tagesanbruch auf, kochte Suppe, und fing an, die Strasse sorgfältig zu beobachten, während er seiner Arbeit nachging. Er wollte bereit sein, wenn Jesus ankommen würde.

Kurz nach Sonnenaufgang sah er einen pensionierten Soldaten beim Schneeschaufeln. Als der alte Veteran die Schaufel hinlegte, um sich auszuruhen und zu wärmen, empfand Martin Mitgefühl für ihn und lud ihn ein, beim Ofen zu sitzen und heissen Tee zu trinken. Martin erzählte dem Soldaten von seinem Traum, den er vorige Nacht hatte sowie darüber, wie er durch das Lesen der Evangelien nach dem Tod seines kleinen Sohnes Trost gefunden hatte. Nach mehreren Tassen Tee und nachdem er mehrere Geschichten über Jesu Güte gegenüber Menschen, die sich im Leben gerade am Tiefpunkt befanden, gehört hatte, verliess er die Werkstatt und dankte Martin für die Ernährung seines Körpers und seiner Seele.
Später am Morgen hielt eine ärmlich gekleidete Frau vor der Werkstatt an, um ihr schreiendes Baby besser einzupacken. Martin ging hinaus vor die Tür und lud die Frau ein, hereinzukommen, damit sie das Baby in der Nähe des warmen Ofens versorgen konnte. Als er herausfand, dass sie nichts zu essen hatte, gab er ihr die Suppe, die er vorbereitet hatte, zusammen mit einem Mantel und Geld für ein Umhängetuch.

Am Nachmittag hielt eine alte Hausiererfrau mit einigen restlichen Äpfeln in ihrem Korb auf der gegenüberliegenden Strassenseite an. Sie trug einen schweren Sack mit Holzspänen auf ihrer Schulter. Als sie den Korb an einem Pfosten ausbalancierte, um den Sack auf die andere Schulter zu wälzen, schnappte ein Junge mit einer zerlumpten Mütze einen Apfel und versuchte damit wegzulaufen. Die Frau erwischte ihn, wollte ihn verhauen und zur Polizei zu schleifen, aber Martin rann aus seiner Werkstätte und bat sie, dem Jungen zu vergeben. Als die Frau protestierte, erinnerte sie Martin an Jesu Gleichnis vom Knecht, dem sein Meister eine grosse Schuld vergab, aber dann wegging und seinen Schuldner beim Kragen packte. Er brachte den Jungen dazu, sich zu entschuldigen. Wir sollten allen Menschen vergeben und besonders den Gedankenlosen, sagte Martin. Das mag sein, klagte die Frau über diesen jungen Spitzbuben die bereits so verwöhnt sind. Dann liegt es an uns, den Älteren, sie besser zu lehren, erwiderte Martin. Die Frau stimmte zu und fing an, über ihre Enkelkinder zu sprechen. Dann schaute sie den Übeltäter an und sagte: Möge Gott mit ihm gehen. Als sie ihren Sack aufhob, um nach Hause zu gehen, stürzte der Junge nach vorne und sagte: „Nein, lass mich ihn tragen.“ Martin schaute zu, wie sie zusammen der Strasse entlanggingen und kehrte dann an seine Arbeit zurück. Bald wurde es finster, daher zündete er eine Lampe an, legte seine Werkzeuge beiseite und räumte die Werkstatt auf. Als er sich hinsetzte, um im Neuen Testament zu lesen, sah er in einer dunklen Ecke Figuren und eine Stimme, die sprach: „Martin, Martin, kennst du mich nicht?“ „Wer bist du?“ Fragte Martin.

Ich bin es, flüsterte die Stimme, siehe, ich bin es. Aus dem Eck trat der alte Soldat hervor. Er lächelte und war dann verschwunden.

Ich bin es, flüsterte die Stimme erneut. Aus derselben Ecke trat die Frau mit ihrem Baby hervor. Sie lächelten und waren verschwunden.

Ich bin es! Flüsterte die Stimme erneut, und die alte Frau und der Junge, der den Apfel stahl, traten aus der Ecke heraus. Sie lächelten und verschwanden wie die anderen.

Martin war überglücklich. Er setzte sich mit seinem Neuen Testament hin, das sich von selber geöffnet hatte. Er las ganz oben auf der Seite:

„Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“).„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,35 und 40).

In der Tat, was ist christlicher als den Menschen in unserem Umfeld Jesu Güte und Freundlichkeit zu zeigen? Genauso wie Jesus uns liebte und sich für uns hingab, zieht er uns durch den Heiligen Geist in seine Freude und in die Liebe seines Lebens mit dem Vater und bevollmächtigt uns, seine Liebe mit anderen zu teilen.

von Joseph Tkach


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