Martin Luther: Sein Leben und sein Beitrag zum Christentum

Eine meiner liebsten nebenberuflichen Tätigkeiten ist es, an einer Volkshochschule Geschichte zu unterrichten. Vor kurzem nahmen wir Bismarck und die Einigung Deutschlands durch. Im Lehrbuch stand: Bismarck ist der bedeutendste deutsche Führer seit Martin Luther. Eine Sekunde lang fühlte ich mich versucht zu erklären, wieso einem theologischen Denker ein so hohes Kompliment zuteil werden konnte, besann mich aber dann und überging es.

Hier sei es wieder aufgegriffen: Wieso rangiert in einem amerikanischen Lehrbuch eine religiöse Gestalt aus Deutschland so hoch? Eine angemessen fesselnde Einleitung zu einer der eindrucksvollsten Gestalten der Weltgeschichte.

Wie kann ein Mensch vor Gott gerecht werden?

Martin Luther, die zentrale Figur der protestantischen Reformation, wurde 1483 geboren und starb 1546. Er war ein Riese in einer Zeit überragender historischer Persönlichkeiten. Machiavelli, Michelangelo, Erasmus und Thomas Morus waren seine Zeitgenossen; Christoph Kolumbus setzte Segel, als Luther auf der Lateinschule die Schulbank drückte.

Zur Welt kam Luther im thüringischen Städtchen Eisleben. In einer Zeit, da die Kinderund Säuglingssterblichkeit 60% und mehr betrug, hatte Luther Glück, überhaupt geboren zu werden. Sein Vater Hans Luder, ein ehemaliger Bergmann, hatte es als Hüttenmeister im Kupferschieferbergbau zu Wohlstand gebracht. Luthers Musikliebe bot ihm einen Ausgleich zur strengen Erziehung durch seine Eltern, die für ihn sorgten, aber auch mit harter Hand straften. Mit sechzehn Jahren war Luther bereits ein kompetenter Lateiner und wurde an die Universität Erfurt geschickt. 1505, mit zweiundzwanzig Jahren, erwarb er dort den Magister artium und den Spitznamen der Philosoph.

Sein Vater beschloss, Meister Martin werde einen guten Rechtsgelehrten abgeben; der junge Mann widersetzte sich nicht. Eines Tages aber, auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt, geriet Martin in ein schweres Gewitter. Ein Blitz warf ihn zu Boden, und nach gut katholischer Sitte rief er: Hilff du, Sankt Anna, ich will ein Mönch werden! Dieses Wort löste er ein. 1505 trat er in den Orden der Augustiner-Eremiten ein, 1507 las er seine erste Messe. Nach James Kittelson (Luther the Reformer) konnten Freunde und Mitbrüder in dem jungen Mönch noch keine der herausragenden Wesenszüge entdecken, die ihn in zehn kurzen Jahren zu einer solchen Ausnahmegestalt werden liessen. Über sein striktes Befolgen der Ordensregeln mit ihren Fastenzeiten und Bussübungen sagte Luther später, wenn es überhaupt menschenmöglich gewesen wäre, als Mönch den Himmel zu gewinnen, er hätte es gewiss geschafft.

Eine stürmische Zeit

Die Lutherzeit war eine Ära der Heiligen, der Pilger und des allgegenwärtigen Todes. Das Mittelalter ging zu Ende, und die katholische Theologie war immer noch weitgehend rückwärtsgewandt. Europas Fromme sahen sich eingepfercht in ein Gehege legalistischer Forderungen, aus Busssakrament, Beichte und Bedrückung durch die Priesterkaste. Der asketische junge Luther konnte ein Lied singen von Kasteiung, von Hunger und Durst, von Schlafentzug und Selbstgeisselung. Dennoch liess sich seine Gewissensnot nicht stillen. Die strenge Ordenszucht vermehrte sein Schuldgefühl nur noch. Es war die Fallgrube des Legalismus – woran erkennt man, dass man genug getan hat?

Obschon er als Mönch ohne Tadel gelebt habe, schreibt Luther, habe er mit der denkbar grössten Gewissensqual gefühlt, dass er vor Gott ein Sünder war. Ich aber konnte den gerechten, den Sünden strafenden Gott nicht lieben, hasste ihn vielmehr ... Ich war voll Unmut gegen Gott, wenn nicht in heimlicher Lästerung, so doch mit mächtigem Murren, und sprach: Soll es denn nicht genug sein, dass die elenden, durch die Erbsünde ewiglich verdammten Sünder mit allerlei Unheil bedrückt sind durch das Gesetz der Zehn Gebote? Muss Gott noch durch das Evangelium Leid an Leid fügen und uns durch das Evangelium mit seiner Gerechtigkeit und seinem Grimm bedrohen?

Solche Unverblümtheit und offene Redlichkeit ist für Luther immer typisch gewesen. Und obschon die Welt seine weitere Wirkens und Lebensgeschichte gut kennt – sein Kreuzzug gegen eine prunksüchtige verweltlichte Kirche der Ablässe, Almosen und anmassenden Werkegerechtigkeit –, würdigen nur wenige, dass es für Luther immer eine Gewissensfrage war. Seine Grundfrage war von superber Einfachheit: Wie kann ein Mensch vor Gott gerecht werden? Über alle menschengemachten Barrieren hinweg, die den Blick auf die Einfachheit des Evangeliums verstellten, rückte Luther in den Mittelpunkt, was viele in der Christenheit vergessen hatten – die Botschaft von der Rechtfertigung allein durch den Glauben. Diese Gerechtigkeit überflügle alles und sei von grundsätzlich anderer Natur als Gerechtigkeit im weltlich-politischen und Gerechtigkeit im kirchlich-zeremoniellen Bereich.

Luther erhob damit einen donnernden Protestruf gegen den gewissenstötenden Ritualismus seiner Zeit. Fünfhundert Jahre später lohnt es sich, ihn so zu sehen, wie seine schuldbeladenen Mitchristen ihn sahen: als leidenschaftlichen Seelsorger, der normalerweise auf der Seite des bedrückten Sünders steht; als Evangelist allerhöchsten Ranges für das, was am meisten zählt – Frieden mit Gott (Röm.5,1); als Retter des gequälten Gewissens in Fragen, die mit Gott zu tun haben.

Luther konnte grob sein, ungehobelt wie ein Bauer. Sein Zorn gegen jene, die sich, wie er meinte, seiner Rechtfertigungsbotschaft entgegenstellten, konnte furchtbar sein. Er ist des Antisemitismus bezichtigt worden, und nicht zu Unrecht. Doch bei allen Fehlern Luthers muss man bedenken: Die zentrale christliche Botschaft – Heilserlangung durch Glauben – stand im Abendland damals in Gefahr auszusterben. Gott schickte einen Mann, der den Glauben aus dem heillosen Gestrüpp menschlichen Beiwerks retten und wieder anziehend machen konnte. Der Humanist und Reformator Melanchthon sagte in seiner Grabrede auf Luther, er sei dem kranken Zeitalter ein scharfer Arzt gewesen, das Werkzeug zur Erneuerung der Kirche.

Frieden mit Gott

Das ist nun der Christen Kunst allein, schreibt Luther, dass ich mich von meiner Sünde abwende, und davon gar nichts wissen will, und kehre mich allein auf Christi Gerechtigkeit, dass ich so gewiss weiss, dass Christi Frömmigkeit, Verdienst, Unschuld und Heiligkeit mein sey, so gewiss ich weiss, dass dieser Leib mein ist. Ich lebe, sterbe und fahre auf ihn dahin, denn er ist für uns gestorben, für uns wieder auferstanden. Ich bin nicht fromm, Christus aber ist fromm. In dess Namen bin ich getauft ...

Nach schwerem geistlichem Ringen und vielen schmerzhaften Lebenskrisen fand Luther am Ende die Gerechtigkeit Gottes, die Gerechtigkeit, die durch den Glauben von Gott kommt (Phil. 3,9). Deswegen singt seine Prosa das Hohelied der Hoffnung, der Freude, der Zuversicht beim Gedanken an den allmächtigen, allwissenden Gott, der, trotz allem, durch sein Werk in Christus an der Seite des reumütigen Sünders steht. Obwohl er nach dem Gesetz ein Sünder sei, was die Gerechtigkeit des Gesetzes angehe, schreibt Luther, verzweifle er dennoch nicht, sterbe er dennoch nicht, weil ja Christus lebe, der beides sei, des Menschen Gerechtigkeit und ewig währendes himmlisches Leben. In jener Gerechtigkeit und jenem Leben kenne er, Luther, keine Sünde mehr, keine Gewissensqual, keine Sorge um den Tod.

Luthers leuchtende Aufrufe an Sünder, sich zum wahren Glauben zu bekennen und nicht in die Falle der leichten Gnade zu gehen, sind aufrüttelnd und schön. Der Glaube sei etwas, das Gott in uns wirke. Er verändere uns, und wir würden von Gott neu geboren. Ungeahnte Lebendigkeit und ungeahnte Macht wohne ihm inne. Er könne immer nur Gutes wirken. Er warte nie und frage, ob es etwa gute Werke zu tun gebe; sondern ehe die Frage noch gestellt sei, habe er die Tat schon getan und tue sie weiter.

In die Vergebungskraft Gottes setzte Luther unbedingtes, höchstes Vertrauen: Christsein sei nichts als das ständige Einüben des Gefühls, dass man keine Sünde hat – obwohl man sündigt –, sondern dass die eigenen Sünden auf Christus geworfen werden. Das sagt alles. Aus dieser überquellenden Glaubensfestigkeit heraus attackierte Luther die mächtigste Institution seiner Zeit, das Papsttum, und liess Europa aufhorchen. Gewiss, im offenen Bekennen seiner fortdauernden Kämpfe mit dem Teufel ist Luther noch ein Mann des Mittelalters. Wie Heiko A. Oberman in Luther – Mensch zwischen Gott und Teufel sagt: Eine psychiatrische Analyse würde Luther um den Rest seiner Chancen bringen, an einer heutigen Universität lehren zu können.

Der grosse Evangelist

Dennoch: In seiner Selbstöffnung, in der Blosslegung seiner inneren Kämpfe, sichtbar für die Augen der Welt, war Meister Martin seiner Zeit voraus. Er hatte keine Skrupel, seine Krankheit öffentlich nachzuzeichnen und ebenso kraftvoll das Heilmittel zu verkünden. Sein Bemühen, sich in seinen Schriften einer scharfen, teils wenig schmeichelhaften Selbstanalyse zu unterziehen, verleiht ihnen eine Gefühlswärme, die bis ins 21. Jahrhundert ausstrahlt. Er spricht von der tiefen Freude, die das Herz erfüllt, wenn der Mensch die christliche Botschaft gehört, den Trost des Evangeliums empfangen hat; er liebe Christus dann so, wie er es allein aufgrund von Gesetzen oder Werken niemals könne. Das Herz glaube, dass die Gerechtigkeit Christi dann die seine sei und dass seine Sünde nicht mehr die eigene, sondern Christi sei; dass alle Sünde verschlungen sei von der Gerechtigkeit Christi.

Was könnte man als Luthers Erbe ansehen (ein Wort, das heute so häufig in den Mund genommen wird)? In Erfüllung seiner grossen Mission, die Christenheit mit der Heilserlangung durch Gnade zu konfrontieren, leistete Luther drei grundlegende theologische Hauptbeiträge. Sie waren monumental Er lehrte die Vorrangstellung des individuellen Gewissens gegenüber Kräften der Unterdrückung. Er war der Thomas Jefferson der Christenheit. In den nordeuropäischen Staaten England, Frankreich und den Niederlanden fiel dieses Ideal auf fruchtbaren Boden; sie wurden in den folgenden Jahrhunderten zu Bastionen der Menschenrechte und individuellen Freiheiten.

1522 publizierte er seine Übersetzung des Neuen Testaments (Das Newe Testament Deutzsch) auf der Grundlage des griechischen Textes des Erasmus. Dies schuf einen Präzedenzfall für andere Länder – kein Latein mehr, sondern das Evangelium in der Muttersprache! Dies gab dem Bibellesen und der gesamten geistigen Entwicklung des Abendlandes – von der deutschen Literatur ganz zu schweigen – mächtigen Auftrieb. Das reformatorische Bestehen auf Sola Scriptura (allein die Schrift) förderte das Bildungswesen ganz ungemein – schliesslich musste man ja lesen gelernt haben, um den heiligen Text zu studieren.

Luthers schmerzhafte, aber am Ende siegreiche Gewissens und Seelenerforschung, die er öffentlich betrieb, leistete einer Bekennerhaltung Vorschub, einer neuen Offenheit im Debattieren sensibler Fragen, die nicht nur Evangelisten wie John Wesley, sondern auch Autoren, Geschichtsschreiber und Psychologen folgender Jahrhunderte beeinflusst hat.

Den Wald und die Stöcke ausrotten

Luther war menschlich, allzu menschlich. Manchmal bringt er seine glühendsten Verteidiger in Verlegenheit. Seine Schmähschriften gegen Juden, Bauern, Türken und Rottengeister lassen einem heute noch die Haare zu Berge stehen. Luther war eben eine Kämpfernatur, ein Wegbereiter mit geschwungener Axt, jemand, der jätet und rodet. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist; aber den Wald und die Stöcke ausrotten, und den Acker zurichten, da will niemand an, schreibt er im Sendbrief vom Dolmetschen, seiner Rechtfertigungsschrift für seine epochale Bibelübersetzung.

Bei allen Schattenseiten: Luther war die Schlüsselgestalt der Reformation, einer der grossen Wendepunkte der Geschichte, für gläubige Protestanten der Wendepunkt nach den Ereignissen des ersten Jahrhunderts. Wenn das so ist, wenn wir Persönlichkeiten auf dem Hintergrund ihrer Zeit und nach ihrem Einfluss über ihre Zeit hinaus beurteilen müssen, dann kann der Christ tatsächlich stolz darauf sein, dass Martin Luther als historische Gestalt in Augenhöhe neben Otto von Bismarck steht.

von Neil Earle


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