Ewige Höllenqualen – Göttliche oder menschliche Rache?

Die Hölle ist ein Thema, über das sich viele Gläubige ereifern, das ihnen aber auch Sorgen bereitet. Mit ihr verbunden ist eine der strittigsten und kontroversesten Lehren des christlichen Glaubens. Dabei geht es bei der Auseinandersetzung gar nicht einmal um die Gewissheit darüber, dass Verderbtheit und Schlechtigkeit gerichtet werden. Die meisten Christen stimmen darin überein, dass Gott sein Urteil über das Böse fällen wird. Der Streit um die Hölle dreht sich einzig und allein darum, wie sie aussehen wird, welche Temperaturen dort vorherrschen werden und wie lange man ihr ausgesetzt sein wird. Bei der Debatte geht es um das Verstehen und Vermitteln der göttlichen Gerechtigkeit – und dabei übertragen die Menschen gern ihre Definition von Zeit und Raum auf die Ewigkeit.

Aber in der Bibel steht nichts davon, dass Gott unserer mit Makeln behafteten Sichtweise bedürfe, um sie auf sein vollkommenes Bild der Ewigkeit zu übertragen. Während die Bibel erstaunlich wenig darüber aussagt, wie es in der Hölle aussehen wird, wird selten mit kühlem Kopf geurteilt, wenn es diesbezüglich um konkrete Fakten geht. Wenn Theorien, beispielsweise hinsichtlich der Intensität des Leidens in der Hölle – wie heiss es dort sein wird und wie lange das Leiden andauern wird –, diskutiert werden, steigt bei vielen der Blutdruck, und Spannung erfüllt den Raum.

Manche Christen vertreten die Auffassung, was wahrer Glaube ist, werde an der Hölle ausgemacht. Einige zeigen sich dabei kompromisslos, was den von ihr ausgehenden grösstmöglichen Schrecken anbelangt. Jede davon abweichende Sichtweise wird als liberalistisch, progressiv, glaubensfeindlich und tendenziell abwegig abgetan und, anders als eine Glaubenshaltung, die beharrlich an Sündern festhält, die den Händen eines zürnenden Gottes überantwortet werden, eher dümmlichen Menschen zugeschrieben. In manchen Glaubenskreisen sieht man in der Überzeugung, die Hölle bereite unsägliche Qualen, geradezu eine Feuerprobe wahren Christentums.

Es gibt Christen, die an das göttliche Gericht glauben, jedoch nicht so dogmatisch sind, was die Details anbetrifft. Ich gehöre dazu. Ich glaube an das göttliche Urteil, in dem die Hölle für ewige Gottesferne steht; was die Einzelheiten anbelangt, bin ich jedoch alles andere als dogmatisch. Und ich glaube, dass die vermeintliche Notwendigkeit ewiger Höllenqualen als gerechtfertigten Akt der Genugtuung eines zürnenden Gottes im krassen Widerspruch zum liebenden Gott steht, wie er in der Bibel offenbart wird.

Ich bin skeptisch, was ein Höllenbild anbelangt, das sich über ausgleichende Gerechtigkeit definiert – den Glauben, Gott lege den Sündern Leiden auf, weil sie es nicht anders verdienten. Und ich lehne den Gedanken, Gottes Zorn könne besänftigt werden, indem Menschen (oder zumindest ihre Seelen) langsam am Spiess geröstet werden, schlichtweg ab. Vergeltung übende Gerechtigkeit gehört nicht zum Bild Gottes, wie ich es kenne. Ich glaube dagegen fest, dass das Zeugnis der Bibel lehrt, Gott werde das Böse richten; weiterhin bin ich davon überzeugt, dass er Menschen keine ewigen Qualen bereiten wird, indem er ihnen nicht enden wollende körperliche, geistige und seelische Strafen auferlegt.

Verteidigen wir unsere eigene, persönliche Vorstellung von der Hölle?

Bibelstellen über die Hölle können zweifellos auf vielfältige Weise interpretiert werden – und werden es auch. Diese einander widersprechenden Interpretationen gehen auf das theologische und geistliche Weggepäck von Bibelexegeten zurück – nach dem Motto: Ich sehe es so und du siehst es anders. Unser Weggepäck kann uns zu fundierten theologischen Schlussfolgerungen verhelfen oder aber uns niederzwingen und weit von der Wahrheit wegführen.

Die Sichtweise der Hölle, die Bibelexegeten, Pastoren und Lehrer der Heiligen Schrift letztlich vertreten, ist, so hat es den Anschein, ohne Abstriche jene, von der sie persönlich von Anfang an ausgehen und die sie nachträglich in der Bibel zu belegen suchen.

Während wir also eigentlich unvoreingenommen das Zeugnis der Bibel selbst zu Rate ziehen sollten, müssen wir uns, wenn es um die Hölle geht, unbedingt vergegenwärtigen, dass es oft lediglich dazu herangezogen wird, um vorgefasste Glaubensgrundsätze darin bestätigt zu sehen. Albert Einstein warnte: Wir sollten zu erkennen suchen, was wirklich ist, und nicht, was wir erkennen wollen.

Viele Christen, die sich als grundsatzkonservativ bezeichnen, glauben, dass die Autorität der Bibel selbst in diesem Kampf für und um die Hölle auf dem Spiel steht. Ihrer Meinung nach stimmt lediglich eine im wörtlichen Sinne verstandene Hölle ewiger Qualen mit der biblischen Vorgabe überein. Das Höllenbild, das sie verfechten, ist jenes, das man sie gelehrt hat. Es ist das Höllenbild, das sie vielleicht brauchen, um den Status Quo ihres religiösen Weltbildes zu wahren. Einige sind so sehr von der Richtigkeit und Notwendigkeit ihres religiösen Höllenbildes überzeugt, dass sie jegliche Beweise oder logischen Einwände, die ihre Sichtweise infrage stellen, einfach nicht wahrhaben wollen.

Das Höllenbild ewiger Qualen stellt für viele Glaubensgruppierungen die grosse, drohende Rute dar. Es ist das Disziplinierungsinstrument, mit dem sie ihren Schäfchen drohen und sie in die von ihnen für richtig befundene Richtung lenken. Während die Hölle, so wie sie von extrem voreingenommenen Glaubensanhängern gesehen wird, vielleicht ein überzeugendes Disziplinierungsinstrument darstellt, um die Schäfchen auf Kurs zu halten, ist sie kaum dazu geeignet, den Menschen Gott nahezubringen. Schliesslich werden jene, die diesen Gruppierungen beitreten, weil sie nicht auf der Strecke bleiben wollen, nicht gerade aufgrund Gottes unvergleichlicher, allumfassender Liebe von dieser Art religiösem Ausbildungslager angezogen.

Im anderen Extrem gibt es Christen, die glauben, Gottes Urteil über das Böse käme einer kurzen Aufbereitung in der Mikrowelle gleich – schnell, effektiv und relativ schmerzfrei. Sie sehen die durch Kernfusion freigesetzte Energie und Hitze metaphorisch für die schmerzfreie Einäscherung, mit der Gott ganz ohne Frage das Böse abstrafen wird. Diese manchmal auch als Verfechter der Annihilation bezeichneten Christen scheinen sich Gott als liebenswürdigen Dr. Kevorkian (ein amerikanischer Arzt, der 130 Patienten beim Suizid assistierte) vorzustellen, der den dem Höllentod überantworteten Sündern eine tödliche Injektion verabreicht (die einen schmerzlosen Tod zur Folge hat).

Zwar glaube ich nicht an eine Hölle ewiger Qualen, aber ich schliesse mich auch nicht den Verfechtern der Annihilation an. Beide Sichtweisen gehen nicht auf alle biblischen Belege ein und werden meiner Meinung nach auch nicht voll und ganz unserem himmlischen Vater gerecht, der sich vor allem durch Liebe auszeichnet.

Die Hölle, so wie ich sie sehe, ist gleichbedeutend mit ewiger Gottesferne, aber ich glaube, dass es uns unsere Körperlichkeit, unsere Begrenztheit, was Logik und Sprache anbelangt, nicht erlauben, die Tragweite von Gottes Gericht genau auszumachen. Ich kann nicht zu dem Schluss kommen, dass Gottes Urteil vom Gedanken der Vergeltung geprägt sein bzw. dem Schmerz und Leid entsprechen wird, den die Verderbten anderen im Laufe ihres Lebens zufügten; denn es liegen mir keine hinreichenden biblischen Beweise vor, die eine solche Theorie stützen würden. Vor allem aber stellt das Wesen Gottes dem von ewigen Qualen geprägten Höllenbild Sanftmut entgegen.

Spekulationen: Wie wird es in der Hölle sein?

Im wörtlichen Sinne ist unter einer von ewigen Qualen gekennzeichneten Hölle ein Ort immensen Leidens zu verstehen, an dem vor allem Hitze, Feuer und Rauch vorherrschen. Diese Sichtweise geht davon aus, dass unsere menschlichen Massstäben unterliegenden Sinneswahrnehmungen von Feuer und Zerstörung eins zu eins mit den ewigen Qualen gleichzusetzen seien.

Ist aber die Hölle tatsächlich ein Ort? Existiert sie schon jetzt oder wird sie erst zu einem späteren Zeitpunkt angeheizt? Dante Alighieri postulierte, die Hölle sei ein riesiger nach innen gekehrter Kegel, dessen Spitze den Erdmittelpunkt genau durchbohre. Obschon entsprechende Bibelstellen der Hölle mehrere irdische Standorte zuschreiben, wird auch auf nicht irdische verwiesen.

Eines der den Gesetzen der Logik gehorchenden Argumente bezüglich Himmel und Hölle lautet, dass die tatsächlich im Wortsinn bestehende Existenz des einen die des anderen bedinge. Dieses logische Problem haben viele Christen gelöst, indem sie den Himmel mit ewiger Gottesnähe gleichsetzen, während sie der Hölle ewige Gottesferne zuschreiben. Aber die buchstabengetreuen Verfechter des Höllenbildes zeigen sich so gar nicht erfreut über die von ihnen als Ausflüchte bezeichneten Sichtweisen. Sie beharren darauf, dass derartige Erklärungen nichts anderes als verwässertes theologisches Wischiwaschi seien. Wie aber kann die Hölle ein nachweislich vorhandener, geographisch lokalisierbarer, festgelegter Ort sein (sei es in Vergangenheit und Gegenwart einschliessender Ewigkeit oder als Inferno, dessen Kohlen der Vergeltung erst noch zum Glühen gebracht werden müssen), an dem die körperlichen Schmerzen ewiger Höllenqualen von nicht-leiblichen Seelen zu erdulden sind?

Manche Verfechter des buchstabengetreuen Glaubens stellen die Hypothese auf, Gott werde die des Himmels Unwürdigen bei ihrer Ankunft in der Hölle mit speziellen Anzügen versehen, die vollständig mit Schmerzrezeptoren ausgestattet sind. Diese Vorstellung – der Gott der Vergebung verheissenden Gnade werde tatsächlich die der Hölle überantworteten Seelen in einen Anzug stecken, die sie ewig zu erduldende Schmerzen empfinden lässt – wird von ansonsten vernünftigen Menschen vorgebracht, die von ihrer aufrichtigen Frömmigkeit übermannt zu sein scheinen. Einigen dieser buchstabengetreuen Glaubensverfechtern zufolge gilt es, Gottes Zorn zu besänftigen; also wird den der Hölle überantworteten Seelen ein ihnen gemässer, auf sie zugeschnittener Anzug von Gott zuteil und nicht einer, der dem sadistischen Arsenal an Folterwerkzeugen Satans entstammt.

Ewige Folter – eine Genugtuung für Gott oder eher für uns?

Kann ein solches von ewigen Qualen geprägtes Höllenbild schon schockierend wirken, wenn es dem Gott der Liebe gegenübergestellt wird, so können wir als Menschen einer derart ausgerichteten Lehre durchaus auch etwas abgewinnen. Aus rein menschlicher Sicht sind wir nicht von dem Gedanken angetan, dass jemand etwas Schlechtes tun kann, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wir wollen sichergehen, dass die gerechte Strafe Gottes tatsächlich niemanden ungestraft davonkommen lässt. Einige sprechen in diesem Zusammenhang davon, es gelte, Gottes Zorn zu besänftigen, aber dieser forensische Gerechtigkeitssinn ist eigentlich eine auf den Menschen zurückgehende Innovation, die lediglich unserem menschlichen Verständnis von Fairness gerecht wird. Wir sollten jedoch nicht in der Annahme, Gott wolle auf gleiche Weise beschwichtigt werden wie wir, unsere Auffassung von Fair Play auf Gott übertragen.

Erinnern Sie sich noch, als kleines Kind keine Mühe gescheut zu haben, Ihre Eltern auf einen zu ahndenden Fehltritt Ihrer Geschwister hinzuweisen? Es widerstrebte Ihnen, mit anzusehen, wie Ihre Geschwister ungestraft mit etwas davonkamen, insbesondere wenn Sie für dieselbe Übertretung bereits bestraft wurden. Es galt, Ihrem Sinn für ausgleichende Gerechtigkeit zu entsprechen. Vielleicht kennen Sie die Geschichte des Gläubigen, der des Nachts wach dalag, weil er, überzeugt davon, dass irgendwo irgendjemand mit einem Fehltritt ungeahndet davonkam, nicht schlafen konnte.

Ewige Höllenqualen können tröstlich auf uns wirken, weil sie dem menschlichen Wunsch nach Gerechtigkeit und Fair Play entsprechen. Die Bibel aber lehrt uns, dass Gott im Leben der Menschen durch seine Gnade und nicht den von Menschen vorgegebenen Definitionen des Fair Play gehorchend wirkt. Und die Heilige Schrift macht auch unmissverständlich klar, dass wir Menschen nicht immer die Grösse von Gottes wunderbarer Gnade erkennen. Zwischen Ich werde schon zusehen, dass du bekommst, was du verdienst und Gott wird schon dafür sorgen, dass du bekommst, was du verdienst liegt nur ein schmaler Grat. Wir haben unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit, die sich oft auf den alttestamentlichen Grundsatz Auge um Auge, Zahn um Zahn gründen, aber es bleiben eben unsere Vorstellungen.

Wie hingebungsvoll wir auch einem Theologen oder auch einer systematischen Theologie folgen mögen, die die Besänftigung von Gottes Zorn postulieren, Wahrheit bleibt, dass es allein Gott obliegt, wie er mit Widersachern (seinen und unseren) umgeht. Paulus erinnert uns: Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ‘Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr’ (Röm 12,19).

Viele der haarsträubenden, gruseligen und markerschütternd detailgetreuen Darstellungen der Hölle, von denen ich gehört und gelesen habe, entstammen religiösen Quellen und Foren, die explizit die gleiche Sprache in anderem Zusammenhang gebraucht als unangemessen und barbarisch verurteilen würde, da sie der menschlichen Lust nach Blutvergiessen und Gewalt das Wort redet. Aber das leidenschaftliche Verlangen nach der gerechten Strafe Gottes ist so gross, dass mangels dezidierter biblischer Grundlagen eine von Menschenhand vorangetriebene Justiz Oberhand gewinnt. Religiöse Lynchmobs, die darauf beharren, die von ihnen propagierten ewigen Höllenqualen dienten Gott, tummeln sich in weiten Kreisen der Christenheit (s. Joh 16,2).

Es ist religiöser Kult, darauf zu beharren, dass jene, die den Glaubensvorgaben hier auf Erden nicht genügen, ewig für ihr Versagen büssen müssen. Die Hölle wird vielen Christen zufolge jetzt und auch künftig den Nicht-Erretteten vorbehalten sein. Nicht errettet? Wer genau sind die Nicht-Erretteten? Als Nicht-Errettete werden in vielen Glaubenskreisen jene bezeichnet, die sich ausserhalb ihrer spezifischen Glaubensgrenzen bewegen. Einige dieser Gruppierungen und auch einige ihrer Lehrer gestehen zwar zu, dass unter den (von den ewigen Qualen göttlichen Zorns) Erretteten möglicherweise auch einige sind, die nicht ihrer Organisation angehören. Man kann aber davon ausgehen, dass praktisch alle Religionen, die ein von ewigen Qualen geprägtes Höllenbild propagieren, die Auffassung vertreten, das ewige Heil erreiche man am sichersten, wenn man sich innerhalb ihrer Konfessionsgrenzen bewege.

Ich lehne eine sture, hartherzige Sichtweise ab, die einem Gott des Zorns huldigt, der all jene verurteilt, die sich ausserhalb strikt festgelegter Glaubensgrenzen befinden. Einen Glaubensdogmatismus, der auf ewiger Verdammnis beharrt, kann man eigentlich nur als Mittel der Rechtfertigung des menschlichen Gerechtigkeitssinns ansehen. So können wir uns denn in der Annahme, Gott gleiche uns, pflichtgetreu als Reisevermittler eingesetzt fühlen, die eine Reise ohne Rückkehr in eine von Folterqualen geprägte Ewigkeit anbieten – und denen ihren rechtmässigen Platz in der Hölle zuweisen, die gegen unsere religiösen Traditionen und Lehren verstossen.

Bringt Gnade die ewigen Höllenfeuer zum Erlöschen?

Einen der wichtigsten und zugleich vom Evangelium gestützten Einwände gegen das schrecklichste aller erdenklichen Höllenbilder ewiger Qualen finden wir in der Kernaussage der Frohen Botschaft. Der gesetzesgerechte Glaube beschreibt Freifahrtscheine aus der Hölle, die den Menschen – basierend auf den von ihnen geleisteten Werken – zugesprochen werden. Eine vorherrschende Beschäftigung mit dem Thema Hölle führt jedoch unweigerlich dazu, dass die Menschen zu sehr auf sich selbst fixiert sind. Wir können natürlich danach trachten, unser Leben so zu führen, dass wir nicht in die Hölle kommen, indem wir nach willkürlich aufgestellten Gebotsund Verbotslisten zu leben versuchen. Dabei entgeht uns zwangsläufig nicht, dass andere sich vielleicht nicht so sehr bemühen wie wir – und so machen wir uns, um nachts gut schlafen zu können, freiwillig daran, Gott dabei zu helfen, anderen schon einmal einen Platz in einer von ewigen Folterqualen gekennzeichneten Hölle zu reservieren.
 
In seinem Werk The Great Divorce (dt.: Die Grosse Scheidung oder Zwischen Himmel und Hölle) nimmt uns C.S. Lewis mit auf eine Busreise von Geistern, die sich in der Hoffnung auf ein ständiges Bleiberecht von der Hölle in den Himmel aufmachen.

Sie stossen auf die Bewohner des Himmels, die Lewis die für immer Erlösten nennt. Ein grosser Geist ist erstaunt, hier im Himmel einen Menschen anzutreffen, von dem er weiss, dass er auf Erden des Mordes angeklagt und hingerichtet worden ist.

Der Geist fragt: Was ich gern wüsste, ist, was du als verdammter Mörder hier im Himmel zu suchen hast, während ich den anderen Weg beschreiten und all diese Jahre über an einem Ort, der vielmehr einem Schweinestall gleicht, zubringen musste.

Der für immer Erlöste versucht nun zu erklären, dass sowohl der von ihm Ermordete als auch er selbst sich vor dem Thron Gottes mit dem himmlischen Vater ausgesöhnt sahen.

Der Geist aber kann diese Erklärung einfach nicht akzeptieren. Sie widerspricht seinem Gerechtigkeitssinn. Die Ungerechtigkeit, den für immer Erlösten ewig im Himmel zu wissen, während er selbst dazu verdammt ist, der Hölle überantwortet zu bleiben, übermannt ihn förmlich.

So schreit er den für immer Erlösten an und fordert ihm gegenüber seine Rechte ein: Ich will doch nur mein Recht ... Mir stehen doch wohl dieselben Rechte zu wie dir, oder etwa nicht?

Genau an diesen Punkt will Lewis uns führen. Er lässt den für immer Erlösten antworten: Was mir zustand, habe ich nicht bekommen, anderenfalls wäre ich nicht hier. Und du wirst auch nicht bekommen, was dir zusteht. Du bekommst etwas weitaus Besseres (The Great Divorce, C.S. Lewis, Harper Collins, San Francisco, S. 26, 28).

Das Zeugnis der Bibel – ist es wörtlich oder metaphorisch zu verstehen?

Die Verfechter eines Höllenbildes, wie es schlimmer und dauerhafter nicht sein könnte, müssen sich auf die wörtliche Interpretation aller die Hölle betreffenden Bibelstellen berufen. Im 14. Jahrhundert stellte sich Dante Alighieri in seinem Werk Die Göttliche Komödie die Hölle als Ort des Schreckens und der unvorstellbaren Qualen vor. Dantes Hölle war ein Ort sadistischer Folter, an dem die Bösen dazu verdammt waren, sich in nie endenden Schmerzen zu winden und im Blut zu kochen, während ihre Schreie in der Ewigkeit verhallten.

Einige der frühen Kirchenväter vertraten die Auffassung, die Erlösten im Himmel könnten in Echtzeit Zeugnis von den Folterqualen der Verdammten ablegen. Dem gleichen Stil folgend theoretisieren zeitgenössische Autoren und Lehrer heute darüber, dass der Allmächtige in der Hölle präsent sei, um quasi persönlich gewahr zu werden, dass sein Gottesurteil auch tatsächlich vollstreckt wird. Manche Anhänger des christlichen Glaubens lehren doch tatsächlich, dass es die im Himmel Weilenden keineswegs bekümmern werde, Familienmitglieder und andere geliebte Menschen in der Hölle zu wissen, sondern dass ihre ewige Glückseligkeit dadurch, dass sie nun hinsichtlich der über allem stehenden Gerechtigkeit Gottes Gewissheit haben, noch gesteigert und ihre Sorge um die einst auf Erden geliebten Menschen, die nun ewige Qualen zu erdulden haben, vergleichsweise bedeutungslos erscheinen werde.

Wenn buchstabengetreuer Bibelglaube (gepaart mit einem verzerrten Gerechtigkeitssinn) gefährlich in Fahrt kommt, gewinnen absurde Gedanken schnell Oberhand. Ich kann mir nicht vorstellen, wie jene, die aus Gottes Gnade in sein Himmelreich kommen, sich an den Folterqualen anderer – geschweige denn der eigenen Lieben – weiden können! Vielmehr glaube ich an einen Gott, der nie aufhört, uns zu lieben. Ich glaube auch, dass in der Bibel viele veranschaulichende Beschreibungen und Metaphern verwendet werden, die – von Gott eingegeben – von den Menschen auch in seinem Sinne verstanden werden sollten. Und Gott inspirierte nicht zu einer Verwendung von Metaphern und poetischen Worten in der Hoffnung, dass wir ihre Bedeutung verzerren, indem wir sie wörtlich nehmen.

von Greg Albrecht


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